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deshalb von ihm gefürchtet. Der Kurfürst aber glaubte, Wittgenstein
nicht entbehren zu können, und ging auf seine Vorschläge ein
ungeachtet der Warnungen und Ratschläge, die Büderus auch bei
dieser Gelegenheit äußerte 177 .
Wir haben es hier nämlich mit jenem Wittgenstein zu tun,
von dem der Freiherr vom Stein in seinen Lebenserinnerungen 178
eine kurze, aber scharfe Charakteristik gibt: „Fürst Wittgenstein
besaß alle Eigenschaften, um ohne Kenntnisse, inneren Gehalt und
Tüchtigkeit sich eine vorteilhafte Stellung im Leben zu verschaffen;
schlau, kalt, berechnend, beharrlich, bis zur Kriecherei biegsam.
Auf ihn paßte die Maxime: qu’un vrai courtisan doit 6tre sans
honneur et sans humeurs, er strebte nach Geld und nach geheimem
Garderobeneinfluß. Er begann seine Laufbahn am Hofe Karl
Theodors, bei den Spielpartien der Antichambre, dann eine Ver
bindung mit der Äbtissin von Lindau, dessen natürlicher Tochter,
suchend, bald darauf 1792 nach einem Beschluß der zur Wahl
Franz II. versammelten kurfürstlichen Gesandten in Ehrenbreitstein,
wegen verdächtiger Verbindung mit dem französischen Gesandten
in Mainz verhaftet, entlassen, Oberhofmeister der verstorbenen
Königin, Gesellschafter der Madame Rietz, ihr Begleiter nach Italien,
Gesandter nach Kassel, Chef eines Bankierhauses, zu dem er sich
vom Kurfürsten die Fonds verschaffte unter Garantie seines älteren
Bruders, Vertrauter des Grafen Haugwitz und Herrn von Hardenberg,
dem er Geld vorschoß, Entrepreneur des Plettenbergischen Konkurses,
den er noch mehr verwirrte. Nach der Schlacht von Auerstädt
hielt er sich bald in Hamburg auf, wo er eine Verbindung mit
Bernadette anzuknüpfen suchte, bald in Königsberg, wo er sich
mir zu nähern suchte. Durch das erwähnte Anleiheprojekt [Preußens
mit Kurhessen gegen Verpfändung oder Verkauf von Domänen,
das Fürst Wittgenstein, um sich geltend zu machen, vorschlug],
das der Kurfürst aber nie einzugehen und seine in England sicher
stehenden Fonds auf dem festen Land im Preußischen anzulegen
gesonnen war, wie ich ‘in der Folge in Prag von seinen Geschäfts
leuten erfuhr. Ich sandte den Präsidenten von Vincke mit den
Domänenanschlägen an den Kurfürsten nach Kiel, Wittgenstein
bewog ihn aber bei der Durchreise durch Hamburg, ihm alle
Papiere abzugeben, um die Erdichtung zu verbergen.“
Der Freiherr vom Stein hatte ein starkes Vorurteil gegen alle
Personen, die eine glatte Außenseite zur Schau trugen. Im wesent-