Die Spätromantik.
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auf diese Neigung begründeten Prinzip einer nicht aktuellen,
sondern substanziellen Betrachtung der Dinge, wie es der
Hauptsache nach Descartes fundamentiert hatte: denn wenn
dieses Prinzip auch schon bei Hume und Kant in gewissem
Sinne gelockert war, so war es doch noch weit davon entfernt,
von einer entschlossenen genetischen Auffassung abgelöst zu sein.
Hegel hat hier freilich auch noch nicht voll durchschlagend ge—
wirkt, was nur bei psychologischer, statt logischer Behandlung
des Prinzipes der Aktualität möglich gewesen wäre: in dieser
Hinsicht ist die zweite Periode des Subjektivismus über ihn
hinweggegangen und weiter hinwegzugehen im Begriffe. Allein
immerhin hat er doch der Idee der Entwicklung durch seine
rücksichtslose Durchbrechung des Satzes vom ausgeschlossenen
Dritten erst recht Bahn gebrochen. Er löste dadurch die starren
unbiegsamen Begriffe des 18. Jahrhunderts erst auf und ver—
flüssigte sie so, daß Gegensätze nicht mehr als absolut, sondern
vielmehr als ineinander übergehend gedacht werden konnten.
Überträgt man diese Leistungen auf das psychologische Ge—
biet und unterwirft sie damit kulturgeschichtlicher Betrachtung,
so ließe sich sagen, daß Kant die neue Seele des Subjektivismus
gleichsam erst statisch, aus dem gegebenen Systeme ihres Da⸗
seins und insbesondere ihrer Denkbarkeit begriffen hat. Fichte
hatte dann diese selbe Seele, wenn auch noch durchaus in
dialektischer Methode, doch schon in den Stadien ihres Werdens
und ihrer tätigen Auswirkung, also dynamisch-genetisch, wenn⸗
gleich noch sehr oberflächlich beobachtet. Hegel aber ahnte und
belauschte in seinem Triadensysteme den großen Vorgang der
Psychogenese, der die Weltgeschichte ist, doch schon weit ein—
dringlicher, anschaulicher, sicherer. Gewiß blieb dabei in der
Anwendung der genetischen Kategorien der Individualseele,
denen schließlich das triadische Vorstellungssystem verdankt
wurde, auf das gesamte Seelenleben der Menschheit noch viel
von einem Analogieschluß im Sinne psychomorpher Vor—⸗
stellungen eben dieser, der spätromantischen Zeit: unbewußt
fast, jedenfalls selbstverständlich erschien die Welt der seelischen
Erscheinungen aller Zeiten noch durchaus als das Spiegelbild
Lamprecht, Deuische Geschichte. X. 17