148
meinem Vater sein Geld; es war keine Zeit zu verlieren; er sandte
es an mich. Ich erhielt unerwartet 600 000 £ mit der Post, und
legte es so gut an, daß der Fürst mir all seinen Wein und all sein
Leinen zum Geschenk machte.“ Diese Notiz hat zwar die deutschen
Rothschild-Skribenten nicht weiter berührt, dagegen hat sie ebenso
wie die Brockhaussche Erzählung bei den Gelehrten Beachtung
und Glauben gefunden.
Die zitierten Sätze Nathan Mayers können aber nicht ernst
gemeint sein. Betrachten wir zunächst den Schlußsatz. Daß der
Kurfürst ihm seine sämtlichen Vorräte an Wein und Leinen schenkt,
entbehrt schon der inneren Wahrscheinlichkeit. Auch würden die
Tatsachen dagegen sprechen. Glücklicherweise sind wir nämlich
über die Weinverhältnisse des Kurfürsten zum fraglichen Zeitpunkt
genügend unterrichtet. Als der Marschall Kellermann, der Befehls
haber der Elbearmee, sich 1809 im Hauptquartier bei Hanau auf
hielt, ließ er die Weine des Hanauer Schloßkellers wegführen.
Ein Handelsmann namens Hildebrand aus Frankfurt bot die Weine
später dem Kurfürsten zum Kauf an, und das Haus Rothschild,
das die Proben davon nach Prag gesandt hatte, erhielt den Auftrag,
die Weine anzukaufen und aufzubewahren, bis darüber disponiert
werde 225 . Als der Kurfürst in sein Land zurückgekehrt war, wurde
angeordnet, daß sowohl die in Frankfurt befindlichen wie die in
Prag aufbewahrten Weine als Grundlage eines neuen Hofkellers
dienen sollten, und das Rothschildsche Bankhaus sandte im
Jahre 1814 sein Depot nach Kassel. Da aber der Rothschildsche
Kellermeister damals schwer erkrankt und der Chef des Hauses,
wie es den Anschein hat, abwesend war, so geschah es, daß statt
14 Stück 19 Stück gesandt wurden, darunter 9 unzutreffende
Nummern 226 . Hierüber und weil die Qualität der Weine zum Teil
dem Kaufpreis nicht entsprechen sollte — die 14 Stück hatten
zusammen 18 640 rf gekostet —, führte das Oberhofmarschallamt
einen Briefwechsel mit der Kabinettskassendirektion und verlangte
trotz dortseitiger Aufklärung, daß ein Mitglied des Hauses Roth
schild nach Kassel komme, um die „Differenzen auszugleichen“.
Diesem Ansinnen wurde von seiten des Rothschildschen Bankhauses
nicht entsprochen, und die Briefe des Oberhofmarschallamtes blieben
zuletzt unbeantwortet. Da sandte letzteres auf Grund einer aller
höchsten Resolution ein Ultimatum an das Bankhaus, und nun
reichte dieses unterm 17. Juli 1815 eine Immediateingabe an den