Full text : Finanzwissenschaft

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3.  Buch.  Die  Staatsausgaben.

ab.  Was  namentlich  die  letzteren  betrifft,  so  ist,  je  nachdem  der
durch  die  Staatsausgaben  auf  das  Nationaleinkommen  ausgeübte
Druck  größer  oder  kleiner  ist,  dieser  Druck  ein  geringer,  ein
mäßiger,  ein  schwerer.  Geringe  nennt  man  im  allgemeinen
den  Druck,  wenn  die  Ausgaben  weniger  als  5  Prozent  des  Nationaleinkommens ­
  in  Anspruch  nehmen,  mäßig,  wenn  dies  Verhältnis  von
5  10  Prozent  steigt,  schwer,  wenn  es  über  10  Prozent  steigt.  Der
Druck  ist  unerträglich,  wenn  die  Staatsbürger  in  der  Befriedigung
der  ersten  Lebensbedürfnisse  gehemmt  sind.  Nach  Hock  ist  der
Druck  ein  schwerer,  wenn  die  Ausgaben  15  Prozent  des  Einkommens
der  Bürger  übersteigen.  Nach  Sonnenfels  setzten  einzelne  Schriftsteller ­
  das  Maximum  mit  25  Prozent  fest.  Nach  Horn  betrug  im
Jahre  1868  das  französische  Budget  3  Milliarden,  das  Nationaleinkommen ­
  15  Milliarden  1 ).  Es  läßt  sich  nicht  bezweifeln,  daß  nach
dem  Weltkrieg  in  allen  Staaten  dieses  Verhältnis  höchst  ungünstig
sein  wird,  hat  ja  England  schon  während  des  Krieges  die  Einkommensteuer ­
  auf  51,7  Prozent  (höchste  Stufe)  erhöht.  Der  schwere  Druck,
den  die  Staatsausgaben  ausüben,  ist  namentlich  in  folgenden  Symptomen ­
  wahrnehmbar:  1.  Trotz  der  Vermehrung  der  Einkommenquellen ­
  bleiben  die  Staatseinkünfte  unverändert,  ja  nehmen  sogar
infolge  Reaktion  der  Steuerkräfte  ab;  2.  das  Volk  ist  gezwungen,
seine  Bedürfnisse  außerordentlich  einzuschränken ;  3.  die  Vermögensansammlung ­
  nimmt  ab;  4.  die  Vermögenskräfte  werden  angegriffen
oder  wandern  aus;  5.  die  Steuerexekutionen  nehmen  zu  (doch  ist  dies
nicht  mit  jenem  Falle  zu  verwechseln,  wo  die  Steuerverweigerung
aus  politischen  Gründen  erfolgt,  wie  in  Ungarn  zur  Zeit  des  österreichischen ­
  Absolutismus  in  den  fünfziger  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts) ­
  ;  6.  Erneuten  und  Revolutionen.
4.  Die  neuere  Gestaltung  der  Staatsausgaben  zeigt  als  wesentlichsten ­
  Charakterzug  die  Tatsache  des  außerordentlichen  Anwachsens ­
  der  Staatsausgaben.  Die  kleinen  Staaten  früherer  Jahrhunderte
haben  zumeist  billig  verwaltet,  denn  sie  leisteten  auch  wenig  Dienste.
So  weist  Treitschke  auf  die  interessante  Tatsache  hin,  um  wieviel
billiger  die  früheren  kleinen  italienischen  Staaten  regierten  als  das
geeinigte  Italien.  Das  Wachsen  der  Staatsausgaben  ist  eine  natürliche ­
  Folge  der  Zunahme  der  Staatsaufgaben,  die  Staatsaufgaben
hinwieder  wachsen  mit  dem  Steigen  der  Kultur.  Den  sogenannten
liberalen  Staat  in  der  Auffassung  von  Kant-Humboldt,  der  nur  für
Rechtssicherheit  sorgen  sollte,  alles  andere  aber  den  Individuen  zu
überlassen  hätte,  das  laisser-faire  der  Physiokraten  hat  eine  andere

’)  Horn:  Salut  au  troisieme  milliard.  Paris  1868.
            
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