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Der Interventionismus an den Universitäten
d’économie politique geben ein anschauliches Bild von der über
ragenden Bedeutung, welche die Geschichte der volkswirtschaft
lichen Anschauungen und die sozialpolitischen Fragen in der
französischen Nationalökonomie immer mehr gewinnen.
Der Nestor unter den interventionistischen Volkswirten der
französischen Rechtsfakultäten ist Paul Cauwès Professor in
Paris. Er war von Haus aus Rechtshistoriker. Als er 1878
zum Professor der Nationalökonomie ernannt wurde, trat er
mit einer entschiedenen Abneigung gegen den absoluten Dok
trinarismus der klassischen Schule in das neue Gebiet ein. In
bewußter und gewollter Gegnerschaft zu dieser Schule griff er
denn auch gleich anfangs — zu seiner eigenen Einführung in
die Nationalökonomie — zu den Werken von List, Carey
und Schmoller. Da er der wirtschaftlichen Gesetzgebung als
Jurist eine größere Bedeutung beimaß, als der theoretischen
Volkswirtschaftslehre, schöpfte er das Material seiner Vor
lesungen, außer in den Werken der genannten Autoren, immer
mehr in den Vorbereitungsarbeiten, Enqueten, Gutachten usw.
zu wirtschafts- und sozialpolitischen Gesetzen. Es ist ein
leuchtend, daß ein solches Material, das zumeist erstlich im
Hinblick auf die Begründung gesetzgeberischer Maßnahmen zu
sammengetragen war, zum Aufbau einer interventionistischen
Doktrin geeignet sein mußte.
In seiner Definition der Nationalökonomie unterscheidet
Cauwès Gegenstand und Zweck derselben. Ihr Gegenstand
„sind die Nützlichkeitsgesetze, welche die Arbeit in Gesellschaft
regeln“; ihr Zweck,'„dasWohl der Individuen und der Kollek
tivitäten auf dem Wege einer gerechten Verteilung der Dienst-
') Der oben erwähnte Leitfaden zum Studium der politischen Ökonomie
(Précis d’économie politique, Paris, 1879) von Cauwès ist in der dritten Auf
lage zu einem stattlichen, vierbändigen Werke angewachsen. Es führt den Titel :
Cours d’Economie politique contenant avec l’exposé des principes l’analyse des
questions de législation économique, 4 Bde., Paris 1893. Eine längst nötig ge
wordene neue Auflage konnte wegen langwieriger Krankheit des Verfassers
immer noch nicht zustande kommen. Da dessen Anschauungen jedoch seit 1893
weiter evoluiert haben, wurden bei unsern obigen Ausführungen, welche sich in
der Hauptsache an die dritte Auflage des Cauwèsschen Lehrbuches halten, Auf
zeichnungen aus dessen Vorlesungen der letzten Jahre, sowie aus persönlichen
Unterredungen mit ihm ergänzend berücksichtigt.