Object: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

gestellt. Es verdient jedoch besonders hervorgehoben zu werden, daß 
diese sozialistische Lehre, im Unterschied von denen, die ihr voraus 
gegangen sind, — z. B. dem Kommunismus und dem Fourierismus, — 
sich keineswegs als ketzerisch darstellt. Sie erhebt im Gegenteil den 
Anspruch, durch ein genaueres Verständnis die großen klassischen Dok 
trinen zu verjüngen und weiterzuführen. 
Wenn uns auch selbstverständlich der Gedanke fern liegt, in einem 
Kapitel eine Lehre zusammenzudrängen, die sich mit allen grundlegenden 
Prinzipien der ökonomischen Wissenschaft beschäftigt und vorgibt, sie 
zu erneuern, so werden wir doch versuchen, die zwei wichtigsten wirt 
schaftlichen Gedanken Marx’ darzustellen 1 ); der eine ist die Theorie der 
Mehrarbeit und des Mehrwertes; der andere ist das Gesetz der auto- 
*) Karl Marx wurde am 6. Mai 1818 in Trier geboren. Er war nicht Jude, wie 
man oft gesagt hat, sondern der Sohn jüdischer, zum Protestantismus übergetretener 
Eltern. Er stammte aus einer bürgerlichen Beamtenfamilie und heiratete die Tochter 
eines deutschen Barons, so daß nichts ihn zu einem streitbaren Sozialisten voraus 
zubestimmen schien. Und doch sollte er diesen Weg gehen. 25 Jahre alt begab er sich 
1843, nach der Unterdrückung einer Zeitung, die er redigierte, zuerst nach Paris und 
dann nach Brüssel. Während der Revolution von 1848, an der er tätigen Anteil nahm, 
nach Deutschland zurückgekehrt, wurde er ausgewiesen und verbrachte den Rest 
seines Lebens, etwa 30 Jahre, in London. Er starb am 14. März 1883. 
Obgleich Marx einer der Gründer und Leiter der berühmten „Internationalen 
Arbeiterassoziation“, kurz „Internationale“ genannt, war, die von 1863 bis 1872 das 
Schreckbild aller europäischen Regierungen vorstellte, darf man in ihm keinen Ver 
schwörer, nach dem Beispiel Bakunin’s, oder einen Volkstribunen, wie Lassalle, 
sehen. Er war ein Mann der Studierstube, ein guter Familienvater wie Proudhon, 
e >n unermüdlicher Arbeiter und von ganz hervorragender geistiger Bildung. 
Das berühmteste -seiner Werke, das allerdings oft angeführt wird, ohne gelesen 
w Mden zu sein, ist Das Kapital, dessen erster Band, der einzige, der zu seinen Leb 
zeiten erschien, 1867 herauskam (franz. Übers, von Roy, 1875, vom Verfasser durch 
wehen (Bei der Übertragung ins Deutsche ist die erste, 1867 bei Otto Meisner in 
Hamburg erschienene Ausgabe, sowie auch die IV. Auflage benutzt worden, Anm. d. 
Ubers.). Die beiden anderen Bände sind erst nach seinem Tode erschienen, und 
^ar 1885 und 1894; die Herausgabe wurde von Engels besorgt. 
Dieses monumentale Werk hat wie die Bibel oder die Pandekten unzählige 
Kommentatoren und Exegeten gefunden. Sicherlich hat von der ganzen Literatur des 
Hh Jahrhunderts kein Buch einen gleich tief- und weitreichenden Einfluß ausgeübt. 
U)rausgegangen war das „kommunistische Manifest“, veröffentlicht im Januar 
das zur Zeit seines Erscheinens als einfache Broschüre weiter kein Aufsehen 
® rr egte, von dem aber Labriola in seinem Essai sur la conception materialiste 
, 6 PHistoire, S. 21, nicht ohne einige Übertreibung hat sagen können: „Das Datum 
(seines Erscheinens) bezeichnet den Beginn der neuen Ara“. Immerhin ist es wahr, 
der ganze zeitgenössische Sozialismus von diesem Brevier lebt. Man mußte es voll 
ständig anführen. Keiner cbr Sätze, die es-enthält, verfehlt sein Ziel und fast ein jeder 
> s t tausendfach wiederholt worden. Vgl. die franz. Ausg., die 1901 mit einer sehr ge 
lehrten Einführung Andlek’s veröffentlicht wurde. (Die angeführten Stellen des kom 
munistischen Manifests sind der sechsten Ausgabe, Berlin 1896 entnommen. Anm. 
d- Übers.). Die übrigen Würkc sind gleichfalls wichtig, wenn sie auch seltener zitiert 
Wurden, namentlich La mi^ve de la Philosophie, veröffentlicht 1847 als Antwort auf
	        
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