578
5. Buch. Der Staatskredit.
rationen zur Schaffung solcher Institutionen in Anspruch nimmt,
deren Vorteile auch die späteren Generationen, manchmal eben
nur diese genießen. In gewissem Sinne ist der Staatskredit nur
eine besondere Form der Besteuerung, durch welche auch die
späteren Generationen besteuert werden. Damit ist eine der wichtigsten
Funktionen des Staatskredites charakterisiert, gleichzeitig aber
auch solche Auffassungen zurückgewiesen, welche die unbedingte
Vorteilhaftigkeit des Staatskredites verkünden, wie dies namentlich
Pinto, Pereire, Macleod und andere vertreten. In neuerer Zeit wurde
auch von sozialistischer Seite Einspruch gegen den Staatskredit erhoben:
hier verdient namentlich der englische Radikale Cobbett
Erwähnung. Es drängt sich unwillkürlich die Frage auf, ob die
kolossalen Steuern, die der Weltkrieg überall verursacht hat und
die in den kriegführenden Staaten wohl die Hälfte des Ertrages
des Nationalvermögens aufgezehrt haben, nicht eine neue Phase einleiten,
die zur Aufgabe haben wird, den durch die Staatsschuld
verursachten gefährlichen Druck in einer rationellen Weise zu
mindern ?
3. Zur Rechtfertigung des Staatskredites dienen namentlich
jene, im Leben des Staates vorkommenden außerordentlichen Umstände,
welche größere Opfer erfordern. Während aber dies zu
den außerordentlichen Fällen des Staatskredites gehört, finden wir
die Ursache des Staatskredites in jenem ganz gewöhnlichen Vorkommen,
daß zwischen Ausgaben und Einnahmen kein vollständiger
Parallelismus besteht. Die Ausgaben und die Einnahmen zeigen
einen verschiedenen Verlauf. In der Regel werden bei Beginn des
Jahres die Ausgaben größer sein, da ja fast jedes Budget neue
Verfügungen enthält, die gleich nach dem Inslebentreten des Budgets
realisiert werden. Oft sind schon Bestellungen im Vorhinein erfolgt.
Am Anfang des Jahres werden also die Ausgaben gewöhnlich
ein besonderes Aufstauen zeigen. Nicht dasselbe zeigt sich
bei den Einnahmen, und in Staaten mit überwiegend landwirtschaftlicher
Produktion werden die Einnahmen namentlich nach der
Ernte einlaufen. Diese Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben
muß durch Kreditoperationen ausgeglichen werden. Freilich
unterliegt es keinem Zweifel, daß die Hauptveranlassung zur Entwickelung
des Staatskredites in dem ersten Falle liegt, in dem
außerordentlichen Bedürfnisse des Staates. Auch die Größe gewisser
Ausgaben, die Dringlichkeit derselben, spielt eine bedeutende
Rolle. Plötzlich auftauchende, ungewöhnlich große und dringliche
Anforderungen an die Staatskasse können nur mittels Kredit befriedigt
werden. Solche Anforderungen treten zumeist im Interesse