Full text : Finanzwissenschaft

II.  Abschnitt.  Der  Geld-  und  Kapitalmarkt.

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II.  Abschnitt.
Der  Geld-  und  Kapitalmarkt.
Vom  Standpunkte  des  Staates  als  Anlehensuchenden  verstehen
wir  unter  dem  Geld-  und  Kapitalmarkt  den  Inbegriff  derjenigen
Kapitalien,  die  in  einem  gegebenen  Zeitpunkte  frei  zur  Verfügung
stehen  und  Anlage  namentlich  in  Staatsaniehen  suchen.
Die  zur  Verfügung  stehenden  und  namentlich  aus  den  Überschüssen, ­
  den  Ersparnissen,  den  eventuellen  Verwertungen  entspringenden ­
  in-  und  ausländischen  Kapitalien  werden  in  ihrem  Streben  nach
rentabler  Verwendung  verschiedene  Richtung  einschlagen.  Ein
großer  Teil  wird  sich  wirtschaftlichen  Unternehmungen  zuwenden,  ein
anderer  Teil  wird  im  Privatdarlehen  seine  vorteilhafteste  und  befriedigendste ­
  Verwendung  erblicken.  "Welcher  Teil  den  öffentlichen
Körperschaften,  Staat,  Gemeinde  usw.  zugewendet  wird,  das  hängt
von  sehr  verschiedenen  Momenten  ab,  namentlich  Rentabilität,  Sicherheit, ­
  Kursgestaltung,  Verfügungsfreiheit,  Gewohnheit,  gewiß  aber
auch  von  der  Werbetätigkeit,  welche  im  Interesse  des  öffentlichen
Kredites  ausgeübt  wird.
Die  im  Weltkriege  in  jedem  Staate  verausgabten  kolossalen
Summen  haben  eine  solche  Gestaltung  des  Weltmarktes  hervorgerufen, ­
  daß  die  Aufnahmefähigkeit  desselben  ganz  überraschende
Dimensionen  annahm,  obwohl  es  auch  nicht  an  privater  Verwendung
fehlte,  da  eine  Reihe  von  Unternehmungen  ihr  Kapital  außerordentlich ­
  erhöhte  und  auch  viele  neue  Unternehmungen  entstanden.
Namentlich  in  den  kapitalschwächeren  Staaten  war  diese  Leistungsfähigkeit ­
  des  Geldmarktes  eine  gänzlich  ungeahnte.  Vor  dem  Weltkriege ­
  hat  eine  Kommission  von  Fachmännern  die  Leistungsfähigkeit ­
  des  österreichischen  Geldmarktes  für  innere  Staatsaniehen  auf
etwa  200—300  Millionen  geschätzt!  Die  hier  kundgewordene
falsche  Beurteilung  des  Geldmarktes  warnt  davor,  daß  hinsichtlich
der  Gestaltung  des  Weltmarktes  nach  dem  Kriege  kategorische
Ansichten  ausgesprochen  werden.  Wir  müßten  denn  sagen,  daß  aus
der  Leistungsfähigkeit  des  Geldmarktes  im  Kriege  der  Schluß  gestattet ­
  ist,  daß  wenigstens  im  gleichen  Maße  für  die  produktive
Friedensarbeit  die  gleiche  Leistungsfähigkeit  des  Geldmarktes  angenommen ­
  werden  muß,  freilich  nicht  zu  vergessen  der  Zerstörung
viele  Milliarden  betragender  Kapitalien.
Auf  die  Leistungsfähigkeit  des  Geldmarktes  haben  namentlich
zwei  Momente  großen  Einfluß:  die  Menge  der  zur  Verfügung
stehenden  Kapitalien  und  die  Organisation  des  Geldmarktes.  Die
            
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