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5. Buch. Der Staatskredit.
erstere hängt namentlich von der Produktivität der Wirtschaft und
bei Inanspruchnahme ausländischer Geldmärkte von allen Momenten
ab, welche die Kreditfähigkeit des Staates beeinflussen, wovon wir
oben bereits gesprochen haben. Besonders wichtig ist die Organisa
tion des Geldmarktes. Es läßt sich kaum behaupten, daß diese
Organisation bereits ihre Vollkommenheit erreicht hat. Die moderne
Bankkonzentration hat dieselbe jedenfalls befördert, doch haben
sich auch ungünstige Momente, ungünstige Einflüsse geltend gemacht.
Auch der Staat selbst kann einen ungünstigen Einfluß ausüben, wie
ja Frankreich durch die fast sinnlos zu nennende Protektion Ruß
lands dem französischen Nationalvermögen große Schäden verur
sachte. Von großer Wichtigkeit für den Staatskredit ist es, daß
derselbe nicht in Abhängigkeit von den Finanzkreisen gerate, sondern
deren Gebieter bleibe.
Die wechselnden Konjunkturen des Geldmarktes machen es
notwendig, daß der Staat den Zeitpunkt richtig wähle, in dem er
sich an den Geldmarkt wendet. Namentlich nach dem Weltkriege
werden die großen Ansprüche es erfordern, daß eine gewisse
Reihenfolge eingehalten werde.
Die Hauptaufgabe bleibt die Kräftigung des inneren Geld
marktes im Interesse der finanziellen, politischen und militärischen
Unabhängigkeit, um so mehr, als ja schon vor dem Weltkriege
die Darlehen an fremde Staaten fast ganz von politischen Momenten
beeinflußt wurden.
Wenn die Organisation des Kapitalmarktes die Ausdehnung
des Staatskredites außerordentlich förderte, so hat umgekehrt der
Staatskredit dem Kapitalmärkte eine riesige Menge von Effekten
zugeführt, die sich ganz besonders für sichere Anlagen von Spar
kapitalien und festen Zinsertrag suchenden Vermögenszuwachs eignen.
Dem Zusammenhang von Staatskredit und Kapitalmarkt haben
die finanzwissenschaftlichen Untersuchungen bisher nicht die ge
nügende Aufmerksamkeit zugewendet. Es zeigt den weiten Blick
von Nebenius, daß er sich in seinem Werke über den öffentlichen
Kredit auch mit der Frage des Kapitalmarktes beschäftigt. Von
den neueren Schriftstellern namentlich Gustav Cohn.