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5. Buch. Der Staatskredit.
Schuld wird durch den Umstand noch besonders drückend, daß nur
ein kleiner Teil derselben zu produktiven Zwecken verwendet wurde.
3. Der Staatskredit Preußens zeigt die langsame Entwicklung,
die überhaupt die Eigentümlichkeit des kontinentalen Staatsschulden
wesens ist. Die primitivsten Methoden der Schuldenaufnahme sind
in Anwendung. Stände, Städte, Domkapitel geben auf kürzere
oder längere Zeit Darlehen. Dabei erhält sich lange das Prinzip,
daß die außerordentlichen Staatsbedürfnisse aus dem Staatsschatz
zu decken sind. Eine größere und systematischere Inanspruchnahme
des Staatskredites ist die Folge der französischen Kriege. Alle
Übel der Unentwickeltheit des Staatskredites machen sich geltend;
die Anlehen werden unter drückenden Bedingungen aufgenommen
und sind schwer anzubringen. Auch Zwangsaniehen müssen auf
genommen werden, die Münzen werden verschlechtert, alles Er
scheinungen unentwickelter Zeiten. Manchmal ziehen sich die Ver
handlungen wegen Aufnahme eines Anlehens Jahre hindurch, so in
einem Falle mit Holland, wo sie anstatt der Summe von 32 Millionen
Franken bloß 4 Millionen einbringen. Auch die Konfiskation der
Kirchengüter und der Verkauf von Staatsgütern bringt nur geringe Re
sultate. Die Beamten, die Heereslieferanten konnten nicht bezahlt
werden. Zwangskonversionen werden durchgeführt, und zum Schluß
muß auch Papiergeld ausgegeben werden. Es ist beinahe unglaublich,
daß nach so vielem Elend doch der Staatskredit sich rasch erholte.
Im Jahre 1830 wird es möglich, die öprozentige Staatsschuld auf
eine 4 prozentige und einige Jahre später auf eine 3 ’/s prozentige
zu konvertieren. Ein Vorteil lag später darin, daß ein großer
Teil des Staatskredites zu produktiven Zwecken in Anspruch ge
nommen wurde, namentlich Eisenbahnbauten. Die Eisenbahnen
liefern auch bald die nötigen Summen zur Verzinsung und Amorti
sation der Eisenbahnschuld. Die Kriege Preußens waren glück
lichen Ausgangs und belasteten den Staatskredit nicht und mit der
Entwicklung des Volksreichtums, des Kapitals und der Berliner
Börse zeigt sich nach allen Richtungen hin eine günstige Ge
staltung des Staatskredites.
4. Auch in Österreich haben hauptsächlich Kriege, in erster
Reihe die Türkenkriege, zum Entstehen und Anwachsen der Staats
schuld geführt. Ein wichtiger Fortschritt war das Reifen des Prin
zipes, daß jeder Herrscher die Schulden des Vorgängers übernimmt,
und ferner, daß die Schuld das Gebiet belaste, also staatlichen
Charakters ist. Maximilian II. verteilt die Schuld noch auf die
einzelnen Länder, doch wird nicht weiter an dem staatlichen
Charakter der durch die Fürsten aufgenommenen Anlehen ge-