Object: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

394 Dritter Teil. Industrie. II. Bausteine zur Würdigung der deutschen Industrie. 
Ergebnisse der letzten Zeit sind um so bemerkenswerter, als die jetzige Gesetzgebung 
nicht wie ausgangs der achtziger Jahre die Entzuckerung der Melassen begünstigt, 
sondern wachsende Mengen derselben und damit große Quantitäten von Zucker als 
Futter in die Viehställe der Landwirte zurückwandern. 
Wenn in den letzten fünf Jahren ein Stillstand in der Ausdehnung der Industrie 
eingetreten ist und die Zahl der Fabriken sogar ständig sinkt, so ist das zum Teil in 
der veränderten Steuergesetzgebung begründet, zum Teil darauf zurückzuführen, daß 
die steigenden Arbeitslöhne und der wachsende Mangel an geeigneten Arbeitskräften 
die Ausdehnung erschweren. Wie sich die Rübenzuckerproduktion der Welt in den 
letzten Jahren entwickelt hat, und welchen Anteil daran Deutschland nimmt, zeigt die 
folgende Betrachtung: 
Während Deutschland noch in den siebziger Jahren mit Österreich und Rußland 
etwa gleichwertig war, aber hinter Frankreich durchschnittlich weit zurückstand, ändert 
sich das Bild plötzlich in den achtziger Jahren. Deutschland tritt, allen anderen weit 
voraus, an die Spitze aller Rübenzuckerländer und lieferte im Jahre 1884 nicht weniger 
als 42,7 % der Gesamterzeugung. Die außergewöhnlich schnelle Vermehrung der Pro 
duktion hatte aber zu einer schweren Krisis geführt, und die sinkenden Preise veran 
laßten in Deutschland einen Stillstand in der Entwickelung, den sich andere Länder zu 
nutze machten. So ist an dem Fortschritt in den nächsten zehn Jahren Deutschland 
kaum beteiligt, während alle anderen Länder schnell ihre Produktion ausdehnen. 
Erst 1894/95 geht die deutsche Industrie wieder sprungweise vorwärts, bleibt dann 
aber auf der einmal erreichten Höhe annähernd stehen, um erst wieder in den letzten 
Jahren ein höheres Durchschnittsniveau zu erreichen. Frankreich, Rußland, Belgien, 
Holland und die neuen Produktionsländer haben dagegen gerade in den letzten Jahren 
des vorigen Jahrhunderts ihre Erzeugung in ungewöhnlicher Weise vermehrt, zum 
Teil mehr als verdoppelt. In den letzten Jahren ändert sich das Verhältnis, indem 
Frankreich nach Aufhebung seiner Prämien den Vorrang endgültig an Österreich- 
Ungarn und Rußland abtritt. Die meisten dieser Industrien sind unter dem Schutz 
ungewöhnlich hoher staatlicher Begünstigungen ins Leben gerufen und großgezogen. 
Auch der Kolonialzucker hat in jüngster Zeit wieder einen größeren Anteil an 
der Versorgung des Weltmarktes genommen, und aus der durch die obigen Zahlen 
gekennzeichneten Entwickelungsgeschichte dieser großartigen Weltindustrie wird man 
am wenigsten auf einen Stillstand derselben für die Zukunft schließen können. 
Wie sich die beiden großen Nebenbuhler, der Rüben- und der Rohrzucker, auf 
dem Weltmarkt in die Versorgung desselben geteilt haben, mögen die Zahlen der 
folgenden Tabelle veranschaulichen. 
Zuckerproduktion für den Weltmarkt ln 1000 1 ä 1000 kg Rohzucker. 
Betriebsjahr 
Rübenzucker 
Rohrzucker 
Summa 
Von der Gesamt 
produktion liefert 
der Rübenzucker 
1852—1853 
201 
1233 
1434 
14,0 
1859—1860 
390 
1376 
1766 
22,2 
1869—1870 
844 
1856 
2600 
32,4 
1879—1880 
1531 
2084 
3615 
42,4 
1889—1890 
3537 
2522 
6059 
58.4 
1894—1895 
4700 
3723 
8423 
55,7 
1899—1900 
5440 
2978 
8418 
64,0 
1904—1905 
4823 
4500 
9328 
51,7 
1908—1909 
6892 
5765 
12 657 
54,5 
1909—1910 
6540 
6198 
12 738 
52,1 
1910—1911 
8471 
6236 
14 707 
57.6
	        
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