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Kartelle und Truste.
„Du erzählst uns da, daß in den letzten hundert Jahren die Krisen
regelmäßig sich immer wiederholt haben", begann Wilhelm nachdenklich.
„Da müssen aber doch die Kapitalisten selbst auch daraufgekommen fein,
was die Ursachen der Krisen sind. Darum kann ich nicht verstehen, daß sie
nicht versucht haben sollten, dem Uebel zu begegnen, die Krisen zu ver
mindern. Sie brauchten doch nur untereinander zu vereinbaren, wieviel
von jeder Warengattung erzeugt werden sollte, und die Gefahr der Krisen
war beseitigt."
„Nur!" höhnte Karl; „glaubst du denn, das sei so einfach, die Kapi
talisten brauchten „nur" zu vereinbaren, wieviel produziert werden
sollte?"
„Und doch hat Wilhelm nicht so ganz unrecht", warf ich ein. „Aller
dings haben die Kapitalisten auch heute noch die wahren Ursachen der
Krisen recht wenig erkannt. Die einen glauben, es werde überhaupt zu
viel produziert, andere glauben, es fehlt an Bargeld, wieder andere meinen,
die Banken seien an den Krisen schuld u. s. w. Gerade die Lehren von den
Krisen gehört zu den allernmstrittensten Gebieten der Nationalökonomie:
aber daß die regellose Konkurrenz für die Beteiligten oft große Gefahren
und Nachteile hat, das mußten selbst die Blindesten erkennen. Ein sehr
hübsches Beispiel dafür liefern die Dampferlinien auf den großen amerika
nischen Flüssen. Die unterboten sich früher gegenseitig in den Preisen für
Frachten- und Personenbeförderung und überboten sich besonders in der
Schnelligkeit der Fahrten. Das artete so aus, daß oft die tollsten Wett
fahrten erfolgten und dabei durch Kesselexplosionen und Auffahren auf
Sandbänke Schiffe und Menschen zugrunde gingen. Endlich fanden die
Unternehmer aber doch, daß es für sie alle besser ist, wenn sie sich vertrugen,
statt sich gegenseitig niederzukonkurrieren. Sie vereinigten sich und setzten
die Preise hinauf, die Geschwindigkeit herunter. Natürlich machten sie jetzt
viel bessere Geschäfte."
„Nun also, da hast du es ja", wandte sich Wilhelm triumphierend au
Karl. „Und wenn dort Vereinbarungen möglich waren, so sind sie es doch
sonst auch."
„Das ist bis zu einem gewissen Grade richtig," antwortete ich, „und
heute gibt es schon eine Unmenge von Vereinbarungen zwischen den Unter
nehmern; oft haben sie sogar zu noch viel engerem Zusammenschluß ge
führt. Da braucht zum Beispiel ein Stahlwerk Roheisen und Kohle in
großen Mengen. Um sich von den Preisschwankungen unabhängig zu
machen, schließt der Besitzer des Stahlwerks mit den Besitzern von Hochöfen
und Kohlengruben Verträge auf Jahre hinaus, daß sie ihm zu einem be
stimmten Preis liefern werden. Oft aber bleibt es dabei nicht stehen. Er ver
einbart zum Beispiel mit ihnen, daß sie keinem anderen Werk liefern als nur
ihm. Dafür muß er sich aber verpflichten, eine bestimmte Menge von
Eisen und Kohle abzunehmen. Jetzt sind die Besitzer der Hochöfen und
Kohlengruben auch an dem Gedeihen des Stahlwerks stark interessiert:
denn wenn dieses schlecht geht, kann es ihnen das Roheisen und die Kohlen
nicht abnehmen. So wird der Zusammenhang zwischen diesen Werken
immer inniger, oft bilden sie schließlich wirklich eine Gesellschaft, oder der
Besitzer des Stahlwerks zum Beispiel kauft die Hochöfen und Kohlengruben
und vereinigt sie mit seinem Werk. Dasselbe Ergebnis tritt ein, wenn zum