„Aber, Wilhelm," rief Karl vorwurfsvoll, „was fällt dir denn da
ein! Wenn alle Fabriken den Arbeitern gehören, da gibt es doch keine
Lohnarbeiter mehr. Wenn es aber selbst gelänge, welche aufzutreiben, dann
hätte ja Gustav recht mit seiner Behauptung, daß sich die Produktions
genossenschaft in eine Aktiengesellschaft verwandeln würde. Dann gäbe es
wieder Unternehmer und Arbeiter, die „Genossenschafter" würden sich in
den Profit teilen, den sie durch die Ausbeutung ihrer Lohnarbeiter erzielt
haben."
„Woran liegt es also nun," fragte ich, „daß sich die Sache nicht so ein
fach machen läßt, wie Karl gemeint hat?"
„An den Schwankungen der Geschäftslage, der Konjunktur," antwor
tete dieser.
„Wenn also die Arbeiter das Joch des Kapitalismus abschütteln
wollen," fuhr ich fort, „wenn sie die Produktion selbst in die Hand nehmen
wollen, um für sich selbst zu produzieren, dann genügt es nicht, daß sie die
einzelnen Fabriken, in denen sie arbeiten, an sich bringen und weiter be
treiben, dann muß die ganze Art der Wirtschaft geändert werden. Dann
darf nicht mehr der Profit ausschlaggebend sein, ob er jetzt von den Unter
nehmern oder von den Arbeitern eingesteckt wird, sondern der Bedarf der
großen Masse. Dann muß die Anarchie, die Planlosigkeit aufhören, die
heute unser Wirtschaftsleben beherrscht, und statt dessen muß die ganze
Wirtschaft einheitlich geregelt werden; freilich nicht zum Vorteil einiger
weniger Kapitalmagnaten, sondern zum Nutzen der Gesamtheit."
„Aber das ist doch der reine Unsinn, was wir da reden," mischte sich
nun Wilhelm wieder in das Gespräch. „Ihr tut so, als ob das so eine ein
fache Sache wäre, die Kapitalisten aus ihrem Besitz zu _ vertreiben. Ihr
vergeht dabei nur die Kleinigkeit, daß es noch eine Polizei gibt, um das zu
verhindern, und wenn die schon nicht mehr ausreicht, dann kommt eben das
Militär. Und gegen das sind die Arbeiter doch machtlos, dagegen kommen
sie nicht auf. Wer also den Arbeitern solche Ratschläge gibt, wer sie dazu
anreizt, sich der Fabriken zu bemächtigen, der begeht ein Verbrechen, nicht
nur an den Fabrikanten, sondern vor allem an den Arbeitern^ die er zur
Schlachtbank und ins Zuchthaus treibt. Das sagt mein Vater immer, und
ich kann nur finden, daß er recht hat."
II.
„Nun, da hat dein Vater nicht unrecht," erwiderte ich, „wenn er sagt,
daß der ein Narr oder ein Verbrecher fein muß, der den Arbeitern heute
den Rat gibt, die Fabriken einfach für sich zu nehmen und die Besitzer zu
verjagen. Denn erstens würden sie damit doch nicht zum Ziel kommen, wie
wir gesehen haben, und dann würden sie sich an dem Widerstand der Staqts-
gewalt den Schädel einrennen."
„Aber wer ist denn diese Staatsgewalt?" rief nun Karl. „Wer sind
denn die Polizisten und Soldaten? 'Das sind doch wieder Proletarier.
Werden sich die denn immer dazu gebrauchen lassen, die Rechte der Unter
drücker zu verteidigen gegen ihre eigenen Leidensgefährten? Und wird
denn das Proletariat nicht auch immer stärker und mächtiger? Die Städte
werden immer größer, und in den Städten wächst die Organisation doch
noch rascher als auf dem Lande. Aber auch dort breitet sie sich aus. Die
jungen Leute, die heute zum Militär kommen, sind darum auch keine
Dklavenseelen mehr. Das weiß ich: wenn ich einmal einrücken muß, ich