Full text : Kapitalismus und Sozialismus

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Händler.  Auch  hatten  sich  die  Leute  jetzt  schon  angewöhnt,  zum  Händler  zu
gehen,  wo  ganze  Einrichtungen  in  großen  Magazinen  übersichtlich  geordnet
standen,  während  in  dem  alten  Haus  bei  uns  kein  Platz  war  und  das  Möbellager
  beinahe  wie  eine  Rumpelkammer  aussah.
So  kam  denn,  was  kommen  mußte.  Der  Vater  konnte  die  Zinsen
für  das  Darlehen  nicht  bezahlen,  als  der  Termin  herankam.  Sollte  ihm
nicht  das  Haus  versteigert  werden,  so  mußte  er  Geld  schassen  um  jeden
Preis.  Als  es  soweit  war,  und  die  Klage  gegen  meinen  armen  Vater  schon
bei  Gericht  eingereicht  War,  kam  eines  Tages  Herr  Becker,  der  Möbelhändler, ­
  zu  meinem  Vater  und  erbot  sich,  das  ganze  Lager  zu  übernehmen.
Aber  was  für  einen  Preis  bot  er!  Kaum  langte  es,  um  das  Holz  zu  bezahlen^
das  verarbeitet  war.  Aber  was  wollte  der  Vater  machen?  Zähneknirschend
ging  er  den-  schmählichen  Handel  ein,  die  Möbel  wurden  in  das  Magazin
des  Herrn  Becker  gebracht,  der  noch  tat,  als  habe  er  meinem  Vater  eine
Wohltat  erwiesen,  und  zunächst  wurden  unsere  Schulden  und  die  Zinsen
für  das  Darlehen  bezahlt.
Der  edle  Wohltäter,  der  Herr  Becker,  hatte  meinen  Vater  gefragt,  ob
er  nicht  lieber  für  ihn  arbeiten  wollen  da  hätte  er  doch  sein  sicheres  Brot.
Natürlich  könne  er  nicht  so  viel  zahlen,  wie  mein  Vater  zu  berechnen  gewohnt ­
  war,  denn  er  müsse  doch  auch  leben.  Und  so  bot  er  Preise  an,  die
meinem  Vater  als  Lohn  für  seine  Arbeit  nicht  einmal  so  viel  ließen,  wie
er  ehemals  dem  Gesellen  bezahlt  hatte.  Mein  Vater  wies  den  edlen  Mann
ab,  und  ich  sah,  daß  er  ihn  mirfiebften  geprügelt  hätte.
Aber  das  Geschäft  wollte  jetzt  gar  nicht  mehr  gehen.  Wußten  doch  die
Leute,  daß  sie  Vaters  Möbel  bei  Herrn  Becker  sogar  billiger  haben  konntest
als  bei  ihm  selbst.  So  kam  der  nächste  Zinstermin,  und  Vater  konnte  wieder
nicht  zahlen.  Diesmal  gab  es  keine  Rettung.  Das  Haus,  das  seit  Menschengedenken ­
  unsere  Familie  gehört  hatte,  wurde  verkauft,  wir  mufften  hinaus,
und  der  Vater  mietete  mit  dem  letzten  Gelde  eine  kleine  Werkstatt  in  einem
finsteren  Nebengäßchen,  wo  natürlich  Kunden  schon  gar  nicht  hinkamen.
Die  arme  Mutter  hatten  die  Aufregungen  und  Sorgen  dieser  Zeit  sehr
mitgenommen;  und  als  sie  bald  nach  der  Uebersiedlung  entbunden  wurde,
da  verfiel  sie  in  ein  langwieriges  Siechtum,  das  meinem  Vater  die  letzte
Widerstandskraft  raubte.  Nun  blieb  ihm  nichts  übrig  als  selbst  zu  Becker  zu
gehen  und  ihm  Lieferungen  anzubieten.  Der  ließ  sich  lange  bitten.  Er  war
gekränkt,  weil  ihn  der  Vater  vorher  abgewiesen  hatte.  Erst  als  der  früher
so  stolze  und  selbstbewußte  Mann  sich  ganz  demütigte  und  den  Geldprotzen
fast  fußfällig  bat,  ihm  Arbeit  zu  geben,  damit  er  die  kranke  Frau  und  die
Kinder  ernähren  könne,  da  „erbarmte"  er  sich  und  erwies  sich  wieder  als  der
„edle  Wohltäter",  der  uns  Brot  gab.  Natürlich  waren  die  bewilligten  Preise
jetzt  noch  schlechter  als  früher.  Die  Folge  war,  daß  Vater  bald  um  Vorschuß ­
  für  Holz  bitten  mußte,  und  jetzt  war  er  noch  Schuldner  seines  Ausbeuters. ­
  Damals  begann  für  uns  alle  eine  schreckliche  Zeit.  Wir  hungerten
und  froren.  Weit  über  unsere  jungen  Kräfte  mußten  wir  dem  Vater  helfen,
die  Mutter  pflegen.  Aber  trotz  alledem  konnte  Vater  bei  größtem  Fleiß
nicht  den  dürftigsten  Lebensunterhalt  für  uns  schaffen.  Da  gab  er  endlich
den  Kampf  auf.  Mit  Entsetzen  gedenke  ich  noch  der  Nacht,  als  der  Vater
von  der  Verrechnung  mit  Becker  nach  Hause  kam.  Er  war  in  Wirtshäusern
gewesen  und  hatte  noch  das  wenige  Geld  vertrunken.  Als  er  nach  Hause
kam,  prügelte  er  uns  und  sein  krankes  Weib.
            
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