Full text : Kapitalismus und Sozialismus

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Vor  Jahren  kriegte  ich  einmal  eines  deiner  Schullesebücher  in  die
Hand.  Ich  wollte  doch  sehen,  was  die  Kinder  heute  in  der  Schule  lernen,  um
sich  fürs  Leben  vorzubereiten.  Da  fiel  mein  Blick  auf  ein  Lesestück  das  den
schönen  Titel  führte:  „Das  Handwerk  hat  einen  goldenen  Boden."  Dort
war  erzählt,  daß  man  nur  Fleiß  und  Ausdauer  brauche,  um  als  Handwerker ­
  ein  reicher  Mann  zu  werden.  Ich  las  das  Stück  nicht  aus.  Wütend
warf  ich  das  Buch  fort,  das  solche  Lügen  enthielt  und  den  Gehirnen  der
Jugend  eintrichtern  wollte.  Und  das  soll  die  viel  gepriesene  Volksbildung ­
  sein?"
Der  Vater  hatte  sich  immer  mehr  in  leidenschaftlichen  Zorn  hineingeredet. ­
  Die  Bilder  aus  seiner  Kindheit  und  Jugend  waren  ihm  wieder
lebendig  geworden.
„Wenn  ich  heute  noch,"  sagte  er  endlich,  „mich  der  Fratze  des  edlen
Wohltäters  Becker  erinnere  oder  jener  Häuser,  in  die  wir  unsere  schöne
Arbeit  steckten,  die  dann  ein  anderer  ohne  Entgelt  genoß,  dann  überkommt
mich  noch  die  Wut.  Aber  schließlich  weiß  ich  ja  doch,  daß  es  nicht  nur  mir
allein  so  ging,  daß  das  nur  Einzelfälle  sind  aus  dem  großen  Schuldbuch
des  Kapitals,  das  überall  seinen  Weg  genommen  hat  über  Blut  und  Leichen."

Der  Lohn  geistiger  Arbeit.
„Das  sehe  ich  nun  allerdings  ein,"  meinte  Wilhelm,  der  Karls  Erzählung ­
  voll  Aufmerksamkeit  zugehört  hatte;  „mein  Großvater  und  dein
Vater  haben  in  ihrer  Jugend  eine  ganz  andere  Welt  gesehen  als  wir;  aber
aus  zwei  einzelnen  Schicksalen  dürfen  wir  doch  nicht  gleich  so  weitreichende
Schlüsse  ziehen.  Vielleicht  ist  es  nur  ein  Zufall,  daß  gerade  unsere  Väter
unter  so  ganz  anderen  Verhältnissen  aufgewachsen  sind  als  wir."
„Wie  kannst  du  nur  so  etwas  sagen!"  entgegnete  Karl.  „Gibt  es  denn
heute  überhaupt  noch  leibeigene  Bauern,  und  sehen  wir  nicht  überall,  daß
das  Kleingewerbe  von  den  Fabriken  verschlungen  wird?"
.„Na,  ganz  so  gefährlich  kann  es  doch  nicht  sein;  denn  es  gibt  heute
noch  immer  eine  Menge  Handwerker,  und  wenn  es  vielen  von  ihnen  auch
nicht  besonders  gut  geht,  sie  leben  und  bestehen  doch  noch  immer.  Mit  den
Bauern  muß  ich  dir  freilich  recht  geben.  Leibeigen  sind  sie  nicht  mehr;  aber
geht  es  ihnen  deshalb  jetzt  um  so  viel  besser?  Immerfort  liest  man  in  der
Zeitung  von  der  »Slot  der  Landwirtschaft«."
„Db  es  heute  besser  oder  schlechter  ist  als  früher,  das  weiß  ich  nicht,"
meinte  nun  Karl;  „jedenfalls  sieht  die  Welt  heute  ganz  anders  aus  als  damals. ­
  Uebrigens  ist  uns  ja  Gustav  noch  die  Geschichte  seines  Vaters  schuldig.
Zuerst  wollen  wir  die  noch  hören."
Damit  wandten  sich  meine  jungen  Freunde  an  mich  und  ich  erzählte
ihnen:
„Mein  Vater  ist  schon  mehrere  Jahre  tot;  aber  ich  kann  euch  seine
Geschichte  ganz  gut  erzählen,  denn  ich  habe  sie  zum  Teil  miterlebt  unfc  daS
übrige  oft  von  ihm  und  Mutter  erzählen  gehört.
Er  entstammte  recht  bescheidenen  Verhältnissen.  Mein  Großvater  war
Dorfschullehrer  gewesen  und  es  hatte  ihm  sehr  große  Schwierigkeiten  und
Opfer  bereitet,  den  Sohn  studieren  zu  lassen;  denn  der  sollte  es  einmal
in  der  Welt  zu  etwas  bringen.  Schon  im  Gymnasium  lernte  mein  Vater
den  Ernst  des  Lebens  kennen.  Von  zu  Hause  bekam  er  nicht  viel;  was  er

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