Full text : Kapitalismus und Sozialismus

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uiehr  zu  unterziehen.  Er  trägt  sein  Geld  in  die  Bank  und  bezieht  die  Zinsen
davon.  ^  Du  hast  unlängst  selbst  erwähnt,  daß  dein  Vater  einige  hundert
Mark  in  einer  Sparkasse  liegen  hat  und  regelmäßig  die  Zinsen  abhebt."
„Auf  diese  Art",  ^unterbrach  mich  Wilhelm,  „wären  dann  eigentlich  die
Einleger  des  Geldes  die  Herren  der  Bank;  denn  von  ihnen  rührt  das  Geld,
mit  dem  die  Geschäfte  gemacht  werden."
„Ja  hat  denn  dein  Vater  etwas  dreinzureden,  wie  das  Geld  verwendet
wird,  das  er  eingelegt  hat?"  fragte  Karl  ironisch.
„Aber  wer  bestimmt  denn  dann  eigentlich,  was  die  Bank  zu  tun  hat?"
fragte  Wilhelm.
„Ihr  dürft  euch",  entgegnete  ich,  „die  Sache  nicht  so  vorstellen,  als
ob  das  Kapital  der  Bank  nur  durch  die  Einlagen  der  kleinen  und  großen
Leute  zustande  käme.  Vor  allem  sind  die  Aktionäre  der  Bank  da,  die  sie
gegründet  und  ihr  Kapital  eingebracht  haben.  Die  sollen  in  der  Generalversammlung ­
  beschließen,  was  die  Bank  zu  tun  hat,  sie  ernennen  auch  die
Beamten.  In  Wirklichkeit  aber  regieren  meist  ein  paar  große  Kapitalisten,
die  die  anderen  überstimmen  und  dann  tun  können,  was  sie  wollen,  und  oft
sind  es  noch  dazu  dieselben  Leute,  die  in  verschiedenen  Banken  maßgebend
sind."
„Da  müssen  die  aber  dann  eine  riesige  Macht  haben",  meinte  Wilhelm,
„wenn  sie  die  mächtigen  Banken  unter  sich  haben,  die  doch  wieder  die  Industrie ­
  beherrschen."
„Ja,  das  sind  heute  die  ungekrönten  Könige",  antwortete  ich,  „und
mancher  wirkliche  König  könnte  sich  gratulieren,  wenn  er  eine  solche  Macht
hätte;  denn  oft  herrschen  sie  nicht  nur  in  einem  Lande,  sondern  ihr  Bereich
geht  über  ganze  Erdteile,  und  ihre  Macht  wächst  noch  immer  fort,  denn  sie
dringen  auch  immer  tiefer  in  das  Erwerbsleben  ein.
Früher  haben  sich  die  großen  Betriebe  gegenseitig  bekämpft  und  unterboten. ­
  Heute  tun  sie  das  sehr  oft  nicht  mehr,  sondern  sie  schließen  sich  zusammen ­
  und  beuten  gemeinsam  das  Publikum,  ihre  Arbeiter  und  ihre
Lieferanten  aus,  und  dabei  leisten  ihnen  die  Banken  die  beste  Hilfe.  Denn
wenn  eine  große  Bank  mehreren  großen  Unternehmungen  Geld  geborgt  hat,
dann  will  sie  natürlich  nicht,  daß  sie  sich  gegenseitig  schaden,  sondern  sie
veranlaßt  sie,  sich  zu  verabreden,  die  Preise  und  Löhne  festzusetzen  und  sich.
nicht  mehr  zu  unterbieten.  Ein  Konkurrent  kann  dann  schwer  aufkommen,
weil  ihm  die  Banken  kein  Geld  borgen,  und  so  bleiben  die  großen,  untereinander ­
  verbundenen  Firmen  unbehelligt  und  beschützt.
Da  waren  zum  Beispiel  auf  einem  amerikanischen  Fluß  zwei  Dampferlinien, ­
  die  sich  wütend  bekämpften.  Jede  suchte  die  andere  zu  unterbieten,
jede  versprach  den  Passagieren  alles  Mögliche  an  Geschwindigkeit  und  Annehmlichkeit ­
  der  Fahrt.  Das  Publikum  freute  sich,  denn  man  konnte  billig
und  angenehm  reisen,  die  Gesellschaften  gingen  aber  beide  fast  zugrunde.
Da  besannen  sie  sich  endlich  doch  eines  Besseren  und  einigten  sich.  Jetzt
wurden  die  Preise  hinaufgeschraubt,  daß  den  Passagieren  ganz  angst  und
bange  wurde;  aber  was  konnten  sie  machen?  Ein  Konkurrent  war  nicht  da,
zu  dem  man  hätte  gehen  können.  So  mußte  man  zahlen,  was  jene  verlangten, ­
  und  die  Inhaber  der  beiden  Gesellschaften  teilten  sich  schmunzelnd
den  Raub.
^  Solche  Vereinbarungen  und  Vereinigungen  sind  aber  heute  nichts
Seltenes  mehr.  Sie  beherrschen  immer  mehr  die  Industrie.  So  haben  sich
die  großen  Kohlengruben  und  die  Eisenwerke,  die  Zuckerfabriken  und  die
            
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