Full text: Kapitalismus und Sozialismus

„Gewiß tat er das," erwiderte ich, „und er musste es tun, wenn er 
nicht verhungern wollte. Man kann sich das also zum Beispiel so vor 
stellen, daß er an den sechs Werktagen der Woche vier für sich arbeitete und 
zwei für den Händler." 
„Das ist aber dann", unterbrach hier Wilhelm, „ganz so wie bei den 
hörigen Bauern, von denen mir mein Großvater aus seiner Jugend er 
zählt hat. Die mußten auch soundso viele Tage im Jahre für Len 
Grundherrn schuften, und für sie selbst blieb nur gerade so viel, daß sie 
leben konnten." 
„Nun, seht ihr," erwiderte ich, „wie ähnlich in der Tat das Verhält 
nis zwischen dem abhängigen Arbeiter und dem Händler auf der einen 
Leite, zwischen dem Hörigen und dem Grundherrn auf der anderen Seite 
ist. Auch dem abhängigen Arbeiter bleibt nur gerade so viel, daß er davon 
leben kann, alles übrige nimmt der Unternehmer für sich in Anspruch." 
„Ja, aber war denn Karls Großvater eigentlich Lohnarbeiter bei dem 
Möbelhändler?" fragte Wilhelm zweifelnd. „Er blieb doch immer selbstän 
diger Meister." 
„Na, für die Selbständigkeit danke ich schön", antwortete Karl selbst. 
„Erinnert euch doch, was ich davon erzählte, wie der Händler meinen Groß 
vater ausgebeutet und geschunden hat." — „Aber trotzdem", erwiderte ich, 
„hat Wilhelm doch nicht so ganz unrecht. Dein Großvater, Karl, war noch 
kein eigentlicher Lohnarbeiter, er arbeitete nicht in der Werkstatt seines 
Unternehmers, sondern in seiner eigenen. In dieser Lage sind ja auch 
heute noch viele sogenannte „Meister", die sich selbständig nennen, in der 
Tat aber vom kapitalistischen Unternehmer noch mehr geknechtet werden als 
die eigentlichen Fabrikarbeiter. Aber wir haben schon davon gesprochen, daß 
die Entwicklung allgemein über diesen Zustand hinausging und in der 
Regel dazu führte, daß die unselbständig gewordenen Arbeiter nun auch 
in die Werkstätte ihres Unternehmers gehen mußten. Es ist aber klar, 
daß dadurch zunächst jedenfalls nichts am Wert der Waren verändert 
wurde. Denn ob der Arbeiter zu Hause arbeitet oder in der großen 
Werkstätte, das bleibt doch für das Ergebnis dasselbe. Immer bekommt 
er vom Unternehmer nur so viel, daß er gerade davon leben kann, und der 
Unterschied zwischen dem gezahlten Lohn und dem Verkaufspreis der 
Waren verbleibt dem Untnernehmer als sein Gewinn." — „Das lenchtet 
mir schon ein," erwiderte Wilhelm, „aber ganz überzeugt bin ich doch nicht, 
daß der Wert unverändert bleibt. Kann denn jetzt nicht der Unternehmer 
billiger verkaufen als früher der selbständige Meister? Er behält ja dann 
doch noch immer einen Gewinn. Wenn der Meister zum Beispiel früher 
aus Holz um 3 Mk. in einem Tag einen Stuhl gemacht und ihn um 
l> Mk. verkauft hat, so zahlt jetzt vielleicht der Unternehmer dem Schreiner 
2 Mk. Lohn und hat 1 Mk. Gewinn. Wenn er sich nun aber mit 50 Pf. 
zufrieden gibt, kann er doch den Stuhl mit Mk. 5"50 verkaufen und so 
die Konkurrenz unterbieten." 
„Das ist ganz richtig," erwiderte ich, „und zeitweilig geschieht dies 
"auch; aber niemand verkauft billiger, als er muß. Auf einen Teil des Ge 
winns verzichtet daher der Unternehmer immer nur für kurze Zeit, als 
Waffe im Konkurrenzkämpfe. Sobald aber der Zweck erreicht, der Kon 
kurrent aus dem Felde geschlagen ist, wird der Preis wieder so hoch fest 
gesetzt wie möglich. Das heißt so hoch, daß er mit dem Arbeitswert über 
einstimmt."
	        
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