Full text : Kapitalismus und Sozialismus

Arbeitszeit,  baun  kann  er  das  nicht  so  leicht  ungeschehen  machen,  dann  muß
es  schon  bei  der  kürzeren  Arbeitszeit  bleiben,  auch  wenn  die  Gewerkschaft
zum  Beispiel  nachher  besiegt  ober  sonst  geschwächt  wirb."
„Gewiß  spielt  bas  auch  eine  Rolle,"  ergänzte  ich,  „unb  ebenso  auch,  baß
in  einem  mobernen  Großbetriebe  bic  Arbeitszeit  für  alle  ober  boch  fast  alle,
Arbeiter  bie  gleiche  ist,  der  Lohn  aber  nicht.  Ter  Unternehmer  kann  baher  '
irgenbeiner  Gruppe  von  Arbeitern,  bic  besonbers  gut  organisiert  unb  angriffslustig ­
  ist,  Lohnerhöhung  gewähren,  bem  Rest  aber  nicht.  Eine  Verkürzung ­
  ber  Arbeitszeit  bagegen  macht  sich  von  selbst  für  alle  geltenb."

Zeitlohn  und  Stücklohn.
^  „Donnerwetter,  Karl,"  rief  ich,  als  ich  bas  nächstemal  meine  jungen  I
Freunbe  traf,  „was  machst  bit  beim  für  ein  saures  Gesicht!  Was  ist  bir  bcnn  1
passiert?"
„Nun  ja,"  antwortete  Karl  übelgelaunt;  „soll  man  sich  ba  nicht
ärgern,  wenn  einem  bas  Gelb  ans  ber  Tasche  gestohlen  wirb?"
„Unb  noch  bazu  solches,  bas  noch  gar  nicht  brin  war",  ergänzte  Wilhelm ­
  lachenb.  „Karl  hat  mir  schon  erzählt,  warum  er  so  aufgebracht  ist.  Es  j
ist  ihnen  in  ber  Fabrik  ber  Akkorblohn  herabgesetzt  worben."
„Ist  bas  nicht  auch  wirklich  eine  Gemeinheit?"  rief  Karl.  „Da  kam  - :
vor  acht  Tagen  eine  ganz  neue,  komplizierte  Arbeit  bei  uns  aus.  Zuerst
kriegten  nur  bie  brei  besten  von  unseren  Drehern  solche  Stücke  mit  bem  :
Auftrag,  sie  nur  recht  schnell  zu  machen.  Die  plagten  sich  benn  auch  ordentlich
damit  und  arbeiteten  fix  drauflos.  Wie  sie  mit  den  drei  Stücken  fertig  ;
waren,  die  jeder  von  ihnen  noch  an  demselben  Tag  fertiggestellt  hatte,  kam
der  Meister  und  erklärte,  jetzt  bekämen  alle  in  unserer  Werkstatt  diese
Arbeit,  und  für  das  Stück  werden  zwei  Mark  bezahlt,  da  hätte  jeder  einen
Taglohn  von  sechs  Mark.  Das  wäre  ja  nun  soweit  ganz  schön  gewesen;
aber  nur  bie  allerbesten  unb  flinksten  Arbeiter  brachten  auch  wirklich  in
einem  Tag  drei  fehlerlose  Stücke  fertig;  bic  anderen  brachten  es  anfangs
oft  nur  auf  zwei,  und  so  hatten  sie  nur  vier  Mark  verdient.  Abei  bei  der  i
Arbeit  kriegt  man  doch  mit  der  Zeit  seinen  Vorteil  heraus,  auch  lernt  einer  :
vom  anderen,  ^und  so  kamen  wir  gegen  Ende  der  Woche  doch  dabin,  daß
fast  alle  drei  Stück  fertig  kriegten,  manche  aber  sogar  schon  vier.  Freilich,
eine  ordentliche  Schinderei  war  es,  bis  man  so  weit  kam;  aber  wenigstens  ;
durfte  man  hoffen,  daß  jetzt  in  der  zweiten  Woche  die  Löhne  gut  ausfallen
würden.  Wir  konnten  es  brauchen;  denn  viele  waren  bei  dem  Akkord  recht
schlecht  weggekommen;  aber  jetzt  kommt  auf  einmal  am  Montag  der  Meister
und  verkündet,  fortan  werde  per  Stück  nur  mehr  Mk.  1'50  bezahlt  werden.  I
«Ihr  habt  es  ja  jetzt  schon  fein  heraus,"  sagte  er,  „wie  bie  Sache  rasch  I
geht.  Jetzt  braucht  ihr  euch  nicht  mehr  mit  jedem  Stück  so  zu  Plagen.  Da  sind
Mk.  1-50  auch  genug."  Na,  das  war  eine  Aufregung  bei  uns  in  ber  Werkstatt! ­
  Zuerst  schrien  alle,  wir  wollen  streifen;"  aber  endlich  mußten  wir
doch  einsehen,  daß  wir  nichts  machen  können;  aber  eine  furchtbare  Wut
haben  wir  jetzt  alle.  Da  wird  man  sich  jetzt  schön  abhetzen  können,  daß  man
halbwegs  seinen  Lohn  herauswirtsckiaftet!  Bei  uns  ist  doch  eine  ewige
Hetzjagd."
„Das  ist  bei  uns  doch  ganz  anders",  meinte  nun  Wilhelm.  „In
unserem  Kleibergeschäft  kümmert  sich  der  Chef  in  der  Regel,  wenn  es  nicht
            
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