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kostet nicht doppelt so viel lvie eine für 10 Arbeiter. Eine Maschine die
täglich 20.000 Drahtstifte liefert, kostet nicht das Vierfache des Preises
einer Maschine, die nur 5000 Stifte herstellt, und es sind auch nicht vier
mal so viele Arbeiter zu ihrer Bedienung notwendig, nicht viermal so viel
Dampfkraft, nicht viermal so viel Schmieröl u. s. w. zu ihrem Betrieb."
„So allgemein, wie du es hinstellst." wendete nun Wilhelm wieder
ein, „können die Vorteile des Großbetriebes aber doch nicht sein. Wenn das
i)er Fall wäre, Io würde doch mein Chef alle die Arbeiter, die für un£
liefern, lieber in eine große Werkstatt setzen und dort arbeiten lassen. Das
fallt ihm aber gar nicht ein. Bei uns sind nur zwei Schneider im Geschäft,
die Maß nehmen, anprobieren und zuschneiden. Dann kommt die Arbeit
außer Haus zu unseren Heimarbeitern, von denen jeder seine eigene Ma
schine hat und jeder für sich arbeitet. Das zeigt doch, daß das billiger sein
muß, als wenn sie alle gemeinsam in einer Werkstatt arbeiten. Denn wenn
mein Herr Chef auch von der Schneiderei blutwenig versteht, aufs Profit
machen versteht er sich um so besser."
„Das glaube ich schon," erwiderte ich, „und ich bin auch überzeugt,
dall er recht hat, aber woher kommt das? Wie wir schon früher gesehen
haben, muß der Lohn eines Arbeiters immer mindestens so viel betragen,
daß er davon leben und eine Familie aufziehen kann. Dazu gehört aber
auch, daß er eine Wohnung hat, wenn sie auch noch so schlecht ist. Ist er
nun dem Kapitalisten möglich, diese Wohnung, die der Arbeiter ja aus
jeden Fall mieten muß, zur Werkstatt zu machen, dann hat er einfach die
Werkstattmiete ganz gespart, er braucht dafür gar nichts mehr auszulegen."
„Wieso geht das aber gerade bei den Schneidern?" fragte Karl.
„Das ist sehr einfach", begann ich, aber Karl unterbrach mich gleich
selbst.
„Aber natürlich," rief er, „bei uns wäre jo etwas lächerlich. Einen
Dampfhammer kann sich keiner in seine Wohnung stellen wie eine Näh
maschine. Diese Art, die Last der Werkstattmiete den Arbeitern noch auf
zuhalsen, ist offenbar nur dort möglich, wo keine oder nur sehr kleine Ma-
schinen in Anwendung kommen. Im allgemeinen, besonders in der Groß
industrie ist also doch das richtig, was du vorhin gesagt hast, daß die Pro
duktion nn großen billiger und daher im Vergleich rentabler ist als die
im kleinen. Da ist es denn nur natürlich, daß der Große stets den Kleinen
frißt, und je mehr große Maschinen in Anwendung kommen, desto rascher
muß das gehen."
„Nun kommt aber noch etwas dazu", fuhr ich fort. „Stellt euch vor,
em Kapitalist habe ein Kapital von 10.000 Mk., das ihm 20 Prozent trägt,
so hat er jährlich 2000 Mk. zu verzehren ^ da wird ihm nicht viel übrig
bleiben. Ein anderer Kapitalist hat eine Million angelegt. Trägt ihm diese
auch 20 Prozent, so hat er jährlich 200.000 Mk. reines Einkommen, und
wenn er da noch so blödsinnigen Luxus treibt, wird er doch leicht noch einen
Teil übrig behalten, den er zum Kapital schlägt, wodurch er dieses noch
vergrößert. So wachsen die großen Kapitalien fast von selbst, während die
kleinen zugrunde gehen."
„Da fällt mir aber d»ä, ein Beispiel ein," warf hier Karl ein. „das
das Gegenteil zu zeigen scheint. Bei uns im Haus ist ein Papiergeschäft.
Zufällig habe ich kürzlich bei einem Gespräch gehört, daß der Mann un
gefähr 1500 Mk. in sein Geschäft gesteckt hat, und die trugen ihm doch so
viel, daß er und seine Familie davon leben können, wenn auch reckst knapp.