Full text : Kapitalismus und Sozialismus

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ersetzen,  das  heißt  viele  brotlos  zu  machen,  oder  sie  zur  ärgsten  Hetzjagd  anzuspornen ­
  oder  sie  für  Zuspätkommen  oder  Lässigkeit  zir  bestrafen,  kurz,  aus
ihnen  herauszupvessen,  soviel  nur  geht."
„Ja,^  aber  daran  haben  doch  Wohl  die  Maschinen  nichts  geändert,"  bemerkte ­
  Wilhelm.  „Der  Meister  hat  seine  Gesellen  früher  einmal  auch  so
stark  ausgebeutet  wie  er  konnte."
„Das  ist  nicht  ganz  richtig,"  entgegnete  ich.  „Der  Meister,  der  mit  dem
Gesellen  an  einem  Tisch  gß  und  in  einer  Werkstatt  mit  ihm  zusammen
arbeitete,  stand  ihm  menschlich  viel  näher;  gewöhnlich  brauchte  da  der  Geselle
auch  nicht  viel  mehr  zu  arbeiten  als  der  Meister,  und  beide  pflegten  sich  nicht
zu  überanstrengen."
„Na,  das  ist  aber  doch  nicht  wahr,"  bemerkte  Karl.  „Heute  wenigstens
werden  die  Arbeiter  nirgends  so  geschunden  als  im  Handwerk.  Mein  Vater
war  vor  zwei  Jahren  eine  Zeitlang  arbeitslos  und  ging,  da  er  nichts  anderes
fand,  zu  einem  kleinen  Meister.  Aber  nie  in  feinem  Leben,  sagte  er  mir,  hat
er  sich  so  abrackern  müssen  wie  dort,  und  neben  ihm  waren  nur  noch  zwei
Lehrjungen  und  denen  ging  es  noch  schlechter."
„Da  ist  eben,"  berichtigte  ich,  „ein  großer  Unterschied  zwischen  dem
Handwerk  von  ehemals  und  von  heute.  Jetzt  zwingt  eben  die  Konkurrenz
des  Großbetriebes  mit  seinen  Maschinen  den  Kleinmeister,  sich  und  seine
Arbeiter  zu  Tode  zu  rackern,  um  nicht  wirtschaftlich  zugrunde  zu  gehen."
„Ja,  aber,"  begann  Wilhelm  nachdenklich  wieder,  „du  hast  uns  selbst
gezeigt,  daß  der  Lohn  eine  untere  Grenze  hat,  über  die  er  nicht  mehr
hinuntergedrückt  werden  kann.  Also  kann  doch  die  Ausbeutung  nicht  noch
weiter  steigen,  wenn  diese  Grenze  einmal  erreicht  ist."
„Ganz  richtig,"  entgegnete  ich;  „aber  wo  ist  diese  traurige  Elendsgrenze?" ­

„Nun,  ein  Arbeiter  muß  soviel  verdienen,"  erklärte  Karl,  „daß  er  sich
und  seine  Familie  erhalten  kann."
„Ist  das  aber  auch  richtig?"  fragte  ich  nun.  „Erhält  bei  dir  zu  Hause,
Karl,  wirklich  der  Vater  die  ganze  Familie?"
„Nein,"  erwiderte  dieser,  „das  ist  wahr;  es  ist  noch  gar  nicht  so  lange
her,  daß  Mutter  mit  Zeitungaustragen  auch  zuverdienen  mutzte;  jetzt  brauchst
sie  das  freilich  nicht  mehr  zu  tun,  seitdem  meine  Schwestern  und  ich  auch
was  verdienen."
„Nun  seht  ihr,"  fuhr  ich  fort,  „daß  jene  Elendsgrenze  doch  noch  ziemlich ­
  stark  verschiebbar  ist.  Früher  einmal  mußte  der  Vater  allein  soviel  verdienen ­
  können,  daß  er  die  ganze  Familie  mit  seinem  Lohn  erhielt.  Heute
aber  müssen  die  Frau  und  die  Kinder  tüchtig  mitverdienen,  wenn  die
Familie  nicht  ins  Elend  geraten  soll."
„Ja,  aber  woher  kommt  das?"  fragte  Wilhelm.  „Sollen  früher  die
Meister  oder  die  Kapitalisten  weichherziger  gewesen  sein  als  heute?  Das
glaube  ich  doch  nicht."
„Nein,"  antwortete  ich,  „das  glaube  ich  auch  nicht,  ich  glaube  überhaupt
nicht,  daß  die  Kapitalisten  schlechtere  Menschen  sind  als  wir;  aber  die  Konkurrenz ­
  zwingt  sie,  die  Löhne  so  weit  wie  möglich  zu  drücken.  Daß  es  unter
ihnen  auch  grausame  Halunken  gibt,  will  ich  nakürlich  nicht  leugnen.  Aber
darauf  kommt  es  nicht  an."
„Aber  was  ist  denn  dann  die  Ursache?"  fragte  Karl.  „Du  erklärtest  uns
doch  damals,  daß  der  Arbeitslohn  deshalb  nicht  noch  weiter  gedrückt  werden
kann,  weil  sonst  die  Arbeiter  auswandern  oder  die  Bevölkerung  abnehmen
wiirde.  Und  nun  ist  doch  noch  eine  Herabdrückung  möglich."
            
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