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einander im religiösen Dienst; sie widerstehen dem Neid in den
Herzen durch die Beobachtung des vierten Gebots, durch das Prinzip
des Friedens in den Familien; aber sie hüten sich, mit dem religiösen
Gedanken die Gefühle des sozialen Gegensatzes zu verbinden. Die
Geistlichkeit beider Lager sieht in dem Christentum ein Mittel zur
Einigung und nicht ein Element der Trennung. In den gemischten
Gemeinden vereinigen sich der protestantische und der katholische
Geistliche, beide Pfarrer oder Pastor genannt, oft an den ge
wohnten Stätten der Erholung. Sie besprechen sich in beson
deren Fällen über ihr Verhalten zu ihren Pfarrkindern, besonders
wegen Verurteilung schlechter Bücher. Mitunter dedizieren sie
sich gegenseitig ihre literarischen Erzeugnisse. Dieselbe Einigkeit
herrscht zwischen den Gliedern der beiden Konfessionen in ihren
Interessen- und Freundschaftsbeziehungen und in der Regelung
der öffentlichen Interessen. Dieser Geist der Einigkeit ist ein neuer
Ruhmestitel für die Gegend, wo 1648 der westfälische Friede ge
schlossen wurde. Dieser denkwürdige Akt hat zwar eine bedauerns
werte Tatsache bestätigt, nämlich den Riß durch das christliche
Europa, aber er hat zugleich ein großes Gut hervorgebracht: indem
er für die Zukunft einen vollständigeren Frieden vorbereitete, hat
er dem Blutvergießen ein Ende gemacht.
Die Gleichförmigkeit der Sitten und Einrichtungen ist in der
sächsischen Ebene viel ausgesprochener als in den anderen Gegenden
Deutschlands. Der ganzen Ebene ist gemeinsam die Dauer der
Grundelemente der sozialen Konstitution: die Unteilbarkeit der
adligen und bäuerlichen Güter, die Fruchtbarkeit aller Familien,
der gleichzeitige Übergang von Blut, Name und Familientraditionen
mit dem Gute, die Institution des Anerben und die Teilung aller
verkäuflichen Gutserzeugnisse zwischen seine Brüder und Schwestern.
Mitunter haben gewisse lokale Verhältnisse eine Änderung dieser
Gleichförmigkeit in gewissen Punkten bewirkt. So hat z. B. der
Reichtum der Hansestädte Hamburg und Bremen das Kapital zum
Erwerb von Landbesitz getrieben. So ist hier und da die Zahl
der großen Güter vermehrt. Wie in Dänemark und besonders in
den Niederlanden, ist so auch ein Stamm von reichen Pächtern ent
standen. Anderswo ist die alte soziale Konstitution durch die Nähe
von Bergwerken verändert, durch gewerbliche Anlagen und ganz
allgemein durch Neuerungen, die die Bevölkerung verdichten und die
materiellen Existenzmittel vermindern, indem sie den Teil reduzieren,
den jede Familie von den Erzeugnissen der urwüchsigen Produktion