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Die Gesamtheit der Ideen, Sitten und Einrichtungen, welche die zwei
wesentlichen Bedürfnisse des Menschen befriedigen (Kenntnis des Sittengesetzes
und tägliches Brot).
Offenbar liegt liier ein Zirkelschluß vor. Vor allem aber: dieser
ganze Komplex von Grundsätzen ist in seinen Elementen bei Le Play
von jeher vorhanden gewesen und ist nur durch seine Keisebeob-
achtungen bis zur Formulierung entwickelt worden, hat aber dann
einen schematischen und dogmatischen Charakter angenommen, der
namentlich durch die sehr allgemeine Formulierung ent
standen ist. Die Formeln sind für ihn selbst wohl mit bestimmten
Vorstellungen ausgefüllt, die indes naturgemäß einen subjektiven
Charakter haben und bei anderen Beobachtern einen anderen
Charakter haben können. Nur die allgemeine Formulierung verleiht
ihnen eine religiöse, unbedingt bindende Bedeutung. Im Grunde
genommen, sind es doch wieder nur Wortbilder, hinter denen
erst die ganze ungeheure Fülle der Existenzbedingungen mensch
licher Gesellschaften verborgen liegt. Sie dürfen nicht von vorn
herein als gegeben betrachtet, sondern müssen erst hinter jenen
Formeln, die Etiketten ähneln, hervorgeholt werden. Das ist Le Play
nur unvollkommen gelungen. So ist er denn den aprioristischen Be
griffen, deren Herrschaft er beseitigen wollte, selbst verfallen.
Seine Schüler leitete er im gleichen Geiste an. Er denkt sich
ihre Weiterarbeit lediglich als ein Zusammentragen von Tatsachen
material. Er gibt Anweisungen für die Abfassung der Monographien
und sagt 2 ):
Um sicher zum Schlußergebnis seiner Untersuchung zu gelangen, hat er
(der Beobachter) zwei untrügliche Leitfäden, wenn er in allen Einzel
heiten die Lage der Familie in bezug auf Kenntnis des Sittengesetzes und
Genuß des täglichen Brotes beobachtet hat. Er ist immer in der Lage, zu
beweisen, daß die Familie elend oder glücklich ist, je nachdem diese beiden
wesentlichen Bedingungen des Unglücks oder Glücks zerstört oder wohl
erhalten sind.
Damit ist für ihn, wie für seine Schüler die Bewertung der Zu
stände von vornherein gegeben. So einfach liegen die Dinge aber
in Wirklichkeit nicht. Jeder Tatbestand setzt sich aus einer Fülle
günstiger und ungünstiger Momente zusammen, und es ist unmöglich,
ihn nach solchen allgemeinen Formeln bewerten zu wollen.
') 0. E. I, 449.
2 ) 0. E. I, 227.