Full text : Frédéric Le Play in seiner Bedeutung für die Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methode

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daß  inzwischen  ein  Stärkerer  auf  der  Bildfläche  erschienen  war:
Karl  Marx.  Teils  unter  seinem  direkten  Einflüsse,  teils  in  Reaktion ­
  gegen  ihn  suchten  die  deutschen  Sozialreformer  nach  politisch
noch  wirksameren  Gedankengängen.
Der  Einfluß  einer  wissenschaftlichen  Methode  kann  nie  ein  so
rascher  sein;  dafür  ist  er  oft  um  so  nachhaltiger.  So  wie  die  Methode
Thünen’s  hat  auch  diejenige  Le  Play’s  nur  langsam  gewirkt,  was
Tlninen  für  den  „Isolierten  Staat“  bekanntlich  vorausgesagt  hat.
Die  bisherigen  Urteile  über  Le  Play’s  Methode.  Wenn  man
die  bisherigen  Äußerungen  über  Le  Play  durchmustert  (vgl.  das
Literaturverzeichnis  am  Schlüsse  dieser  Abhandlung)  und  dabei  von
seinen  Schülern  absieht,  so  fällt  sofort  die  Tatsache  auf,  daß  seine
Methode  nur  stiefmütterlich  behandelt  wird.  Sein  erster  französischer
Kritiker  Leo  nee  de  Lavergne  widmet  ihr  nur  2  von  25  Seiten,
der  nächste  Jules  Duval  6  von  22  Seiten;  trotzdem  letzterer  das
Wort  fand  „la  monographie  des  familles  c’est  le  micoscrope  applique
ä  l’economie  sociale“,  und  obwohl  er  auch  sonst  mehr  Anerkennung
spendete  als  Lavergne,  kam  er  doch  zu  dem  ungünstigen  Schlußergebnis,
Le  Play  litte  an  drei  fundamentalen  Irrtümern:  seine  Methode  sei
unzureichend,  er  glaube  zu  sehr  an  die  Tradition,  er  sei  mißtrauisch
gegenüber  allen  Neuerungen.  Diese  nicht  unrichtige,  aber  unzureichende ­
  Auffassung  gewann  zunächst  die  Oberhand,  setzte  sich  als
zähes  Vorurteil  fest  und  hat  bis  zum  heutigen  Tage  viel  beigetragen,
eine  objektive  Würdigung  Le  Play’s  zu  hindern.
Sainte-Beuve,  einer  seiner  ersten  Bewunderer,  hatte  für
seine  Methode  volles  Verständnis;  er  sagt  von  seinem  ersten  Werke,
es  sei  ein  Vorbild  und  sollte  ein  Erziehungswerk  sein  für  alle  Reformer, ­
  indem  es  ihnen  zeige,  welche  Reihe  von  Vorarbeiten,  von
Beobachtungen  und  immer  neuen  Vergleichen  nötig  sei,  ehe  man
eine  begründete  Schlußfolgerung,  eine  Meinung  bilden  könne;  er
erkannte  auch  Le  Play’s  eigentliche  Absicht,  wie  den  Werdegang
seines  Werkes:
Jene  unentwickelten  sozialen  Zustände,  die  bei  uns  längst  verschwunden
sind,  lassen  sich  in  anderen  Weltteilen  und  Ländern  noch  beobachten  und  erklären ­
  so  unsere  eigene  Vergangenheit,  ähnlich  wie  die  Geologie  die  Schichten
der  Erdrinde  dort,  wo  sie  zutage  treten,  am  besten  in  ihrer  ursprünglichen
Beschaffenheit  studieren  kann.  Im  Geiste  des  Beobachters  erstanden  auf  solche
Weise  unausgesetzt  neue  Vergleiche,  und  er  gewann  hierdurch  nicht  nur  ein
besseres  Verständnis  der  Vergangenheit;  er  fragte  sich  auch,  ob  diese  sozialen
Zustände,  die  bei  uns  so  sehr  mißachtet  werden,  nicht  doch  noch  etwas
Gutes  und  Nützliches  enthalten,  das  man  wiederaufnehmen
            
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