Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
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bei den Künstlern eine fast fanatische Liebe zur Wirklichkeit 
und Wahrheit erzogen, und etwas von dieser Liebe hatte sich, 
wenigstens in Kunstsachen, auch dem Publikum mitgeteilt. Und 
von hier aus, von einem allgemeinen Wahrheitstriebe her 
wurden denn in der That allmählich wenigstens Ansätze zu 
einer dramatischen Weltanschauung gewonnen. 
Zunächst drängte schon die äußere impressionistische Form 
an sich, welcher Art sie im einzelnen auch war, wenn ganz 
ernst und wahrhaftig genommen, auf gewisse Rudimente eines 
immanenten Begreifens der Welt. Wird ein einfaches Lebens— 
bild dramatisch hingestellt, eine Handlung, wie sie jeden Tag 
geschehen sein könnte, so muß sie der Dichter von vornherein, 
eben um sie für jeden Tag wahrscheinlich zu machen, in das 
Sozialpsychische eintauchen, und so entsteht unmittelbar der 
Gegensatz zwischen Individuum und Umwelt. Und dieser Gegen— 
satz wird noch verschärft durch die Thatsache, daß sich auch die 
einfache Handlung selbst bei peinlichster naturalistischer Behand— 
lung nicht in allen ihren Phasen und Eindrucksmomenten auf 
die Bühne bringen läßt, daß immer und unter allen Umständen 
abgekürzt werden muß: wodurch, da dies natürlich in charak— 
terisierendem Sinne zu geschehen hat, die Elemente der Ge— 
stalten einerseits, die der Umwelt andererseits stärker hervor⸗ 
treten. Bilden aber Gestalten und Umwelt die natürlichen 
Komponenten der Handlung gerade ganz besonders im im— 
pressionistischen Drama, so ist in dem Konflikte beider das 
eigentliche Thema der Handlung gegeben, und dies Thema ist 
ein solches einer Weltanschauung der Immanenz. 
In der That sehen wir nun dies Thema schon von den 
Anfängen des modernen Dramas her angeschlagen. Dabei ist 
die Umwelt zuerst mit Vorliebe eng genommen: der Kreis 
namentlich der Familie wird aufgesucht, — woher die Fülle 
von Ehe; und Familiendramen, das Thema des ,‚Verhältnisses“, 
des Haushalts zu dreien u. s. w. Aber bald werden auch weitere 
Kreise der Umwelt ergriffen, die Grenzen der speziell gesell— 
schaftlichen Formen werden überschritten, und das Gebiet der 
großen sozialen Konflikte wird erreicht (Hauptmanns „Weber“ 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband. 24
	        
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