Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Pierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
Haltung annehmen, der Hauptsache nach doch auf Goethe 
zurückging. Goethe hatte dabei ganz auf den französischen 
Konventionalismus als den dem deutschen klassischen Drama 
noch angemessensten überlieferten Ausdruck schauspielerischer 
Technik zurückgegriffen. Er hatte sich damit ausdrücklich dem 
deutschen Naturalismus der funfziger bis achtziger Jahre 
des 18. Jahrhunderts entgegengesetzt und hatte, solange er 
selbst als entflammender Geist hinter Schauspiel und Bühne 
ftand, damit Außerordentliches geleistet. Allein nach Schillers 
Tode und nach seinem Rücktritt erlahmte die Kraft der Schau— 
spieler, und das Ende war ein wenig erfreulicher Konventio⸗ 
nalismus. 
Konnte nun er, ja konnte selbst die mittlerweile zurück— 
gegangene Tradition Lessings durch lebendige Werte einer 
neuen romantischen Schauspielkunst überwunden werden? Der 
Schauspieler, in so vielen Dingen ein Plastiker gegenüber der 
zweidimensionalen Kunst der Sprache und des Dichtens, will 
starke Charaktere oder zum mindesten Personen, die er ver— 
gegenwärtigen, die er marschieren und handeln lassen kann. 
Wo nur Umrisse stehen, da will er Farben einsetzen, wo Farben 
spielen, da will er Kontraste der Beleuchtung, der Tiefe in sie 
hineinzaubern. Gab ihm das romantische Drama hierzu Ge— 
legenheit? Er wurde in seiner Kunst der Motivierung und 
Schattierung aufs schwerste durch die urzeitlich einfache Psycho⸗ 
logie der Charaktere behindert; wollte er nicht zum bloßen 
Deklamator werden, so mußte er sich Stücken der Vergangenheit, 
des Klassizismus, des 16. und 17. Jahrhunderts, der Antike 
zuwenden. Allein man drängte ihn auf der schiefen Entwicklungs⸗ 
linie der Romantik vorwärts; das Deklamationsstück wurde, 
wenn auch teilweise erst jenseits der Zeiten der Romantik, 
geschaffen; und statt der Helden betraten Typen die welt⸗ 
bedeutenden Bretter. 
Aus dieser Geschichte des romantischen Dramas möchte 
man vielleicht die Vermutung ableiten, daß sich die romantische 
Erzählung weit besser entwickelt haben müsse. Es würde, 
wenigstens für die Frühromantik, wieder ein Irrtum sein.
	        
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