47
wurde. Die Ausgaben Großbritanniens waren außerdem im Vergleich zu den anderen kriegführenden
Ländern infolge der verhältnismäßig hohen Bezüge des einzelnen Soldaten ganz besonders umfangreich; der
britische Soldat stellte für seine persönlichen Bedürfnisse größere Ansprüche als die Truppen der konti-
nentalen Mächte. Diese Ausgaben wurden für Großbritannien noch dadurch wesentlich gesteigert, daß es
Heeresgruppen im Orient unterhielt. Der Aufwand für sie war verhältnismäßig noch höher als für die
Heere im Kampfgebiet Frankreichs. So kostete z. B. der Galipolikämpfer im Jahre 1915 der Regierung
viermal so viel als ein in Frankreich stehender Soldat. Die wechselnde Kriegstechnik erhöhte den schon
an sich außerordentlich hohen Kriegsbedarf. Der Ausbau der Luftstreitkräfte trug hier wesentlich zum
Anwachsen der Ausgaben bei. An die Spitze der Luftflotte wurde durch den Air Force Act vom 29. No-
vember 1917 der Air Couneil gestellt, in den das zunächst geschaffene Air Board umgewandelt wurde.
Im Zusammenhang mit den Ausgaben für die militärischen Zwecke stehen auch die Summen, die Groß-
britannien seinen finanziell schwächeren Verbündeten und den Dominions zur Verfügung stellte. Von
1914 bis 31. März 1919 erhielten: Rußland 568 Millionen £, Frankreich 434 Millionen £, Italien 413 Mil-
lionen £, Belgien 87 Millionen £, Serbien 19 Millionen £ und andere Länder 50 Millionen £. Den Dominions
wurden im Laufe der Kriegszeit Kredite in Höhe von 171 Millionen £ gewährt.
Zu den direkten Kosten der Kriegführung traten die erheblichen Aufwendungen für die Verwaltungs-
behörden, die für die Zwecke der wirtschaftlichen Mobilmachung geschaffen werden mußten. Die Anzahl
der Beamten stieg infolgedessen von 280 900 bei Ausbruch des Krieges auf 418 025 am Waffenstillstands-
tage.
Die industrielle Mobilmachung führte im Frühjahr 1915 zur Errichtung des Munitionsministeriums.
Dem Munitionsminister standen außerordentliche, fast diktatorische Machtmittel zur Verfügung. In kurzer
Zeit standen ungefähr 2700 Unternehmungen unter seiner Kontrolle.
Im Jahre 1916 wurde ein Ernährungsministerium (Ministry of Food) geschaffen, das die Kontrolle der
Nahrungsmittelversorgung und Preise übernahm und die Einfuhr von Lebensmitteln regelte, um eine Aus-
hungerung des Landes zu verhindern, zumal auch die Hochseefischerei für die Volksernährung infolge der
U-Boot- und Minengefahr ihre Bedeutung mehr und mehr verlor. Durch den im Jahre 1917 erlassenen
Corn Production Act wurde der schon beschrittene Weg staatlicher Fürsorge für die Volksernährung weiter
ausgebaut. Dieses Gesetz führte den Anbauzwang und in Verbindung damit Mindestpreise für Hafer und
Weizen ein; für die Landarbeiter wurden Mindestlöhne festgesetzt, über die besondere Lohnämter (Agri-
cultural Wages Boards) zu entscheiden hatten.
Im Jahre 1916 wurde ein Arbeitsministerium (Ministry of Labour) für die Bearbeitung der während des
Krieges besonders in den Vordergrund gerückten Fragen der Arbeitsverhältnisse errichtet.
Das Anwachsen der Unterstützungen für Kriegsopfer, Kriegshinterbliebene und die Angehörigen der
Kriegsteilnehmer führte im Jahre 1916 zur Errichtung des Pensionsministeriums (Ministry of Pensions).
Für die Zwecke der Schiffahrt wurde ein besonderes Ministerium (Ministry of Shipping) gegründet,
als die Wirkungen des U-Boot-Krieges besondere Maßnahmen für die Bereitstellung von Schiffsraum für die
Lebensmittelversorgung des Landes notwendig machten. Durch dieses Ministerium wurde die gesamte
britische Tonnage beschlagnahmt, für die Frachten sehr hohe Blue Book Rates festgesetzt, und der Betrieb
der Werften stark vergrößert. Zu den Maßnahmen der wirtschaftlichen Mobilmachung gehörte auch die
Kontrolle der Eisenbahnen, denen der Staat für die ihnen aus den besonderen Anforderungen der Kriegs-
zeit erwachsenden Verluste durch eine Reihe von Verträgen den Reingewinn von 1913 garantierte. Seit
1917 standen ferner die Kohlengruben unter Aufsicht der Regierung, die die Verpflichtung übernahm,
den Besitzern ausreichenden Gewinn und den Bergleuten Mindestlöhne zu zahlen. In demselben Jahre wurde
das Ministerium für den nationalen Dienst (Ministry of National Service) errichtet, dem die Aufgabe zu-
fiel, alle Kräfte der Nation für die Zwecke des Krieges zu organisieren. Wesentliche Aufwendungen er-
forderte auch die politische Propaganda im In- und Auslande.
Neben der Erweiterung der staatlichen Aufgabengebiete infolge des Krieges und neben dem Anwachsen
der Kosten für die eigentliche Kriegführung wirkte die allgemeine Preissteigerung, die sich auch in Groß-
britannien im Laufe der Kriegszeit immer mehr fühlbar machte, auf eine progressive Steigerung der Aus-
gaben hin. Die Intensität der Preissteigerung zeigt der vom Board of Trade aufgestellte Großhandelsindex.
Er stieg (1913= 100) im Jahre 1914 auf 100,6, 1915 auf 123,5, 1916 auf 160,1, erhöhte sich im Jahre 1917
auf 208,6 und betrug im Jahre 1918 bereits 229,5. Im Vergleich zum letzten Vorkriegsjahr stiegen während
des Krieges die Gesamtausgaben (netto) folgendermaßen (in Millionen £):
1913/1914 ....... 197,5 1916/1917: 2. x + 21981
1914/1915 ..... 560,5 1917/1918 ..... 2 696,2
1915/1916 ..... .1559,2 1918/1919 ..... 2579,3