Full text: München als Industriestadt

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bringen, weil sie es teils nicht wollen, teils nicht können. Ein 
Anfsteigen in eine sozial höhere Schicht ist einfach unmöglich. 
Denn, auch wenn er nie vom Klassenkampf gehört hat, nichts 
von Theorien über das gegensätzliche Interesse von Unter 
nehmer und Arbeiter weiß, was wir kaum anzunehmen brau 
chen, ist der Lohnarbeiter gerade in den Münchener kapitalisti 
schen Unternehmungen sehr darauf bedacht, das Arbeitsquan 
tum, das er für eine bestimmte Summe Lohnes leisten soll, 
so niedrig wie nur möglich zu halten. Ein anderes Hindernis, 
das den Wunsch zur Verbesserung sowohl wie jede Arbeits 
freude ersticken muß, liegt ebenfalls außerhalb der Betriebs 
organisation in der Parole der organisierten Arbeiter, daß die 
Lohnverhältnisse zwischen dem schlechten und dem vortreff 
lichen Arbeiter keine nennenswerten Differenzen aufweisen dür 
fen und daß ferner die quantitative Arbeitsleistung des hervor 
ragenden Arbeiters über eine bestimmte von der Organisation 
vorgeschriebene Grenze nicht hinausgehen darf, sonst wird 
der Mann zur Verantwortung herangezogen. Dieses Vorgehen 
wird von den Fabrikunternehmern sehr beklagt, aber es gibt 
auch kaum etwas Unheilvolleres gerade für das Aufsteigen 
des Arbeiterstandes wie diese Organisationsparole. 
Außer diesen gelernten und ungelernten Arbeitern der 
Industrie besitzt München eine sehr große Anzahl unsicherer 
Existenzen, Saisonarbeiter, da die Stadt eine Fülle von Er 
werbsquellen aufweist, die den Charakter nicht ständigen son 
dern mehr gelegentlichen Erwerbs tragen, wie dies die Ar 
beitslosenzählung vom 11. II. 1912 beweist. Dennoch darf 
man bei dem allgemeinen Überblick gerade sie nicht un 
erwähnt lassen, weil das Münchener Wirtschaftsleben seinem 
ganzen Charakter nach mehr auf der Grundlage solcher 
Erwerbszweige ohne ständige Beschäftigung beruht wie das 
jener Städte, wo regelmäßige Werkstätten- und Fabrikarbeit 
in höherem Maße Gelegenheit gibt zu ständigeren dem Saison 
charakter weniger unterliegenden Beschäftigungsgelegenheiten. 
Wir denken an die Arbeiter, welche neben dem Baugewerbe, 
in den an dem Fremdenverkehr interessierten Erwerbszweigen, 
dem Gast- und Schankwirtschaftsgewerbe, Kaffeehausbetrieb 
und in persönlichen Dienstleistungen eine zeitweise Beschäf
	        
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