Full text : München als Industriestadt

Vierter  Abschnitt,  Teil  II.
Kunstgewerbe-Industrie.
Erst  seit  dem  Jahre  1900  spielt  das  Kunstgewerbe
in  Deutschland  eine  große  Rolle.  So  lange  hatte  es  bei  uns
geschlafen;  nur  hohe  Kunst,  Bilder  und  Plastik  gab  es;  den
Gegenständen  des  Gebrauches  wendete  keine  Künstlerhand,
keines  Mäzens  Güte  sich  zu,  sie  blieben  der  industriellen
Massenherstellung  überliefert.  Beschäftigung  mit  angewandter,
mit  Nutzkunst,  erschien  den  Malern  und  Bildhauern  unwürdig.
Heute  hat  sich  gerade  die  Münchener  Richtung  losgelöst  von
fremden  Einflüssen  und  hat  auf  das  glücklichste  gewisse  Hauptmerkmale ­
  moderner  Geschmacksbestrebungen  in  der  Innendekoration ­
  verwirklicht:  entschiedene  Betonung  alles  Konstruktiven, ­
  rustikale  Einfachheit,  Verpönen  alles  den  Möbeln
nur  äußerlich  unorganisch  angehefteten  Geschmacks.  Die
Stücke  sollten  wirken  durch  ihren  logischen  Aufbau,  durch  das
harmonische  Spiel  ihrer  Linien,  durch  die  natürliche  Schönheit
des  Materials.  Auch  Syndikus.  Dr.  Kuhlo  weiß  in  einem  kleinen ­
  Aufsatze  davon  zu  berichten,  daß  in  München  in  den  letzten ­
  Jahren  eine  andere  Industrie  heimisch  geworden  sei:  die
Kunstgewerbeindustrie.  Die  neuen  Wege  der  angewandten
Kunst  in  Deutschland  sind  in  der  Hauptsache  auf  die  Initiative ­
  Münchens  zurückzuführen;  dort  entstand  der  jetzt  glücklich ­
  überwundene  Jugendstil,  der  immerhin  das  Verdienst  hat,
eine  Reform  der  Innenkunst  vorbereitet  zu  haben.  In  München ­
  sind  die  Seidl,  Riemerschmidt,  Bruno  Paul,  Fischer,
Bartsch,  Troost  und  viele  andere  zu  Hause,  die  der  Raumkunst ­
  neue  Bahnen  eröffnet  haben  und  den  Ruhm  Münchens
im  ganzen  Reiche  iVerbreiteten.  Das  Kunstgewerbe  ist  im
            
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