Full text : München als Industriestadt

wenn  sie  also  eine  Verfeinerungsindustrie  ist.  Es  müssen  der
Stadt  München  solche  Qualitätsarbeitsstätten  erstehen,  wie  sie
schon  jetzt  in  der  Möbelindustrie  in  ausgedehntem  Maße
dazu  beitragen,  durch  das  Zusammenwirken  von  Indsutrie,
Handwerk  und  Kunst  nur  zeitgemäße  Formen  auf  den  Markt
zu  bringen.
In  der  Münchener  Möbelindustrie  hat  sich  überraschend
gezeigt,  wie  schnell  und  begeistert  von  den  geistig  regen  Kreisen ­
  des  Bürgertums  die  neuen  Ideen  und  Arbeitsresultate  aufgenommen ­
  worden  sind.  Man  darf  heute  ohne  Überhebung
sagen,  daß  sich  in  weiten  Kreisen  —  vor  allem  der  Intellektuellen ­
  —  der  moderne  Interieurstil  durchgesetzt  hat.  Unter
„modernem  Stil“  wird  dabei  verstanden:  eine  aus  lebendig
neuem  Formempfinden,  aus  Zweckmäßigkeit  und  gesunden  Bedürfnissen ­
  geborene  Nutzkunst,  die  dem  Geiste  unserer  Zeit,
der  Epoche  phrasenloser  aber  auch  kühner  industrieller  Arbeit
und'verfeinerter  Lebenshaltung  entspricht,  die  zugleich  repräsentativ ­
  und  sachlich  einfach,  zugleich  international  verständlich
und  national  bürgerlich  ist.
Die  größeren  Firmen  spüren  es  auch,  nach  uns  gewordenen ­
  Mitteilungen,  von  Jahr  zu  Jahr,  wie  die  Arbeit  des
Deutschen,  vor  allem  auch  des  Münchener  Kunstgewerbes  auf
dem  Weltmarkt  immer  mehr  beachtet  wird  und  wie  es  sich
anschickt  den  internationalen  Markt,  durch  die  Kraft  der  ihm
innewohnenden  Qualität  allein,  zu  erobern.  Die  Zeiten  sind
vorbei,  wo  man  den  von  Münchener  Künstlern  entworfenen
Möbeln  manchmal  mit  Recht  den  Vorwurf  machen  konnte,  sie
seien  zu  persönlich,  und  wer  sich  mit  diesen  Möbeln  einrichte,
der  sei  nicht  bei  sich  zu  Hause,  sondern  bei  dem  Künstler  zu
Gast.  Heute  haben  sich  schon  Typen  von  allgemeinem  Geschmack, ­
  objektiver  Gültigkeit  herausgebildet,  und  die  Persönlichkeit ­
  des  Künstlers  hat  sich  in  „Stil“  im  höchsten  Sinne
gewandelt.  Trotz  dieser  Allgemeingültigkeit  ist  aber  die  persönliche ­
  Arbeit  des  Künstlers  noch  keineswegs  überflüssig  geworden: ­
  die  Möbel  lassen  sich  nicht  etwa  ungefähr  nachmachen, ­
  ohne  ihren  Charakter,  ihre  Qualität  zu  verlieren,  die
gerade  in  der  Nuance,  in  dem  durchgebildeten  Gefühl  des
Künstlers  liegen.  Wir  wissen,  daß  der  neue  deutsche  Stil  nicht
            
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