125
jene Staaten noch keine bedeutenden eigenen Eisenindustrien besaßen,
groß gewesen, heute jedoch bor den hohen Zollmauern
der beiden Länder bis auf knapp 9% der Stahlproduktion zurückgewichen.
Dennoch erscheint die Frage, ob es nicht möglich
ist, den oberschlesischen Eisenexport nach diesen Ländern zu
heben, von größter Wichtigkeit, wobei die deutsche Handelspolitik
ausschlaggebende Bedeutung besitzt.
Die heutigen Großindustrien Rußlands sind das Produkt
der modernen russischen Jndustrialisierungspolitik, die 1880
und recht eigentlich 1890 einsetzte*).
Bis in den Anfang des 18. Jahrhunderts reichen die Bestrebungen
der russischen Regierung zurück, die gewerbliche
Tätigkeit des Landes zu heben, insbesondere die Kohlen- und
Eisenschätze nutzbar zu machen. Doch der völlige Mangel an
Verkehrswegen, Kapitalien und fähigen Arbeitskräften ließ die
Bemühungen erfolglos. Der unglückliche Ausgang des Krimkrieges
gab zu umfassenden Reformen Anlaß. Zunächst wurde
durch die Aufhebung der Leibeigenschaft^) ein selbständiger
Bauernstand geschaffen und seine überschüssigen Kräfte für gewerbliche
Betätigung entfesselt. Dann ging man mit Eifer an
den Bau von Eisenbahnen^), welche die gänzlich fehlenden
Chausseen und schiffbaren Wasserwege zugleich ersetzen mußten*).
Das Material zu den Eisenbahnbauten mußte, da die damalige
russische Eisenhütten- und Maschinenindustrie den Anforderungen
hinsichtlich der Menge und Güte des zu liefernden Materials
bei weitem nicht gewachsen war, vom Auslande bezogen werden.
Doch suchte die Regierung, Schienenwalzwerke, Lokomotiv- und
Waggonfabriken ins Leben zu rufen, denen sie außer hohen
LieferungsPreisen Vorschüsse, Prämien und Zollnachlaß für
Rohmaterialien gewährte^). 1861 wurde sogar der zollfreie Bezug
von Roheisen, Maschinenteilen und Zubehör gestattet, wie
1) Tittler. V. Wittschewsby. E. Zweig. E. Davidson.
2) 3. März 1863.
3) Rußland besaß an Eisenbahnen: 1840: 26 km, 1850:
601 km, 1860: 1589 km, 1870: 11 243 km, 1880: 23 857 km, 1890:
30 456 km. S. a. Süß. Latz I, 6. 129.
4) „Rußland hat die Periode der Chausseen übersprungen."
Wittschewsby, C. 65.
5) Bis 1. Juli 1884 wurden an Regierungsprämien allein für
Stahlschienen 14 265 Mill. Rubel gezahlt! (Davidson.)