Full text : Die oberschlesische Kohlen- u. Eisenindustrie

78

Tatsächlich  sind  die  recht  häufigen  Abgänge  ausgelernter
Arbeiter  nach  Westdeutschland,  ja  selbst  nach  Belgien  und  Nordfrankreicb
  dabei  von  einiger  Bedeutung.  Diese  Leute  bleiben,
auch  wenn  sie  die  Löbne  in  den  westlichen  Industrien  nicht  um
so  viel  besser  finden  als  der  nominelle  Betrag  anzugeben  scheint^),
der  vberschlesischen  Industrie  doch  meist  für  immer  verloren.  Die
Folge  hiervon  aber  ist,  daß  die  oberschlesischen  Industrien  in
verstärktem  Maße  als  bisher  ausländische  Arbeiter  in  den  Betrieb ­
  einstellen  müssen^).
Keine  Großindustrie  der  Welt,  welche  wie  Oberschlesien
auf  einen  verhältnismäßig  kleinen  Bezirk  zusammengedrängt  ist,
ist  in  der  Lage,  im  eigenen  Bezirk  selbst  die  großen  Mengen  von
Arbeitskräften  zu  produzieren,  deren  sie  bei  foAschreitender  Entwicklung ­
  bedarf.  Die  Jndustriebezirke  saugen  beständig  aus  dem
ganzen  Inlande  das  benötigte  Mehr  an  Arbeitskräften  an,  soweit ­
  natürlich  das  Inland  Menschenmaterial  abzugeben  imstande ­
  ist.  Trotz  des  Kinderreichtums  der  Arbeiterbevölkerung
kann  die  natürliche  Bevölkerungsvermehrung  Oberschlesiens  den
wachsenden  Arbeiteranforderungen  der  Industrie  nicht  folgen.
Die  unglückliche  geographische  Lage  Oberschlesiens  zu  dem  Jnlande
  erschwert  es  nun,  aus  ihm  das  Mehr  an  Arbeitern  zu  beziehen. ­
  So  ist  die  oberschlesische  Montanindustrie  auf  Rußland
und  Österreich-Ungarn  als  natürliches  Hinterland  zur  Ergänzung ­
  ihrer  Arbeiterschaft  angewiesen.
Es  handelt  sich  hauptsächlich  um  Ruthenen  und  Polen  aus
Galizien  und  Russisch-Polen,  die,  teilweise  kleine  Bauern,  ihr
Anwesen  und  ihre  Familie  für  einige  Jahre  verlassen,  um  sich
in  der  fremden  Industrie  soviel  zusammen  zu  verdienen,  daß  sie
nach  ihrer  Rückkehr  ihr  Besitztum  instandsetzen  können,  teils  unverheiratete ­
  junge  Leute,  die  jedenfalls  die  Arbeit  nach  kurzer
Zeit  wieder  verlassen  und  in  ihr  Vaterland  zurückkehren^).  Zunächst ­
  drückt  dies  beständige  Fluktuieren  der  fremden,  slavischen
Arbeiter  die  Leistungsfähigkeit  der  oberschlestschen  Montanindustrie ­
  bedeutend  herab,  dann  aber  erschwert  es  die  germanisato-1)
  Infolge  der  höheren  Lebenshaltungskosten,  so  daß  der
Reallohn  im  Westen  durchaus  nicht  höher  als  in  Oberschlesien  ist.
2)  s.  a.  Knoke.  S.  17.  43.
3)  Sie  leisten  im  allgemeinen  nur  „ungelernte"  Arbeit,  lernen
aber  oft  zu  und  steigen  zu  besser  gelohnter  Arbeit  auf.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.