Object : Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

146 Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel.

Grunde indifferent; ihm war Schimpfen Modesache; im übrigen
religiös wenig bewegt, war er unfähig zu jedem positiven Ersatze.
Der fromme Teil der Gesellschaft endlich war ratlos. Er strebte
freierer individueller Haltung zu, gewiß; aber gerade er war
noch nicht gekräftigt genug, um auf die Sakramente und
Segnungen der Kirche verzichten zu können: nur ein Feuergeist
hätte diesen Zirkel zu durchbrechen vermocht.
Und so ist es gerade dieser fromme Teil der neuen Gesellschaft
gewesen, der getragen von unbefriedigtem religiösem Bedürfnis
die alte Kirche stützen half. Ihm werden die immer wiederholten
Versuche klösterlicher Reformen im 15. Jahrhundert verdankt;
er suchte die Bußpredigt auf und wallfahrtete; für ihn sind zum
großen Teile die 45 Passionalien, 18 Altväterleben und 124
Einzelleben von Heiligen in deutscher Sprache, sowie die zahl—
losen Heiltums- und Wallfahrtsbücher gedruckt worden, die in
den Jahren 1470-1521 erschienen. Er war es, der die neuen
Heiligen, die gesteigerten Andachten, die zunehmende kultische
Narkotisierung anstrebte und aufnahm, und aus seiner Stim—
mung heraus spricht das Gebet einer Lübecker Grabplatte des
Jahres 1517: 0 Maria, oeine middeélerinne zwisken gode
unde den minsken, make doch dat middele z2wisken dem
richte godes ende minre armer selen, Amen!
Es war eine Richtung, die, aufgehend in frommer Be—
thätigung, jeden Zusammenhang mit den ursprünglichen Lehren
des Christentums verloren hatte und dunkel suchend umhertappte;
in dem mitgeteilten Gebete steht Maria völlig an Stelle des
Heilands. Wie sollte von dieser Seite her Heilung, wie gar
religiöser Fortschritt kommen?
In der That suchten sie auch die erleuchtetsten Geister nicht
in diesem Zusammenhang; sie gingen vielmehr von der Philosophie
aus. Philosophie aber hieß in diesen Zeiten Scholastik.
Die Scholastik ist von der Zeit ihrer Blüte an bis tief
ins 14. Jahrhundert hinein in Deutschland alles andre als
volkstümlich gewesen. Selbst in ihren staatsrechtlichen Ab—
zweigungen unter Ludwig dem Baiern war sie das nicht. In
Frankreich wurde das Somnium viridarii iu die Sprache des
            
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