Full text: Probleme der Wirtschaftsgeschichte

4:55 VII. Die Entstehung des modernen Kapitalismus. 
Das Thema war das lockendste, was sich heute finden ließ. Die 
Nationalökonomen und Historiker konnten nicht umhin, zu Som- 
barts Ausführungen in bestimmter Weise Stellung zu nehmen. 
Seine Darstellung ist sehr viel kritisiert, aber auch sehr viel (na- 
mentlich in ihren spätern Teilen) verwertet worden. 
Sombart beginnt mit methodologischen Erörterungen. Zu 
ihrer allgemeinen Charakteristik läßt sich sagen, daß er im wesent- 
lichen der „naturwissenschaftlichen“ Logik huldigt und auf die 
Darstellungen von Dilthey, Windelband, Rickert und Xénopol 
nicht Rücksicht nimmt.!) Zwar finden wir bei ihm nicht den- 
jenigen Enthusiasmus für „empirische“ und, kausale“ Gesete, den 
die Anhänger jener Logik sonst zeigen. Er ist durchaus kein Eiferer 
für „empirische Gesetze“; er steht wohl schon unter dem Eindruck 
der neueren Literatur, in der so oft die unsolide Basis der An- 
nahme g,historischer Geseße“ dargetan worden ist. Er spottet 
über die „Gesetzesjäger“ (I, 114) und lehnt die Periodentheorie 
Morgans als willkürlich ab (S. 56). Sein Schlagwort lautet 
nicht „Entwicklungsreihen“, sondern „Wirtschaftsstufen“. Be- 
reits Bücher hatte diese Unterscheidung zum Ausdruck bringen 
wollen. Aber er hat der naheliegenden Versuchung, die Wirt- 
1) Seine Ausführungen über kausale und teleologische Betrachtung 
würden durch die Berücksichtigung der Werke der genannten Forscher 
auch eine Änderung erfahren haben. Ich beschränke mich hier darauf, 
hervorzuheben, daß m. E. Sombart irrt, wenn er behauptet (S. XVT), 
daß die kausale Erklärung in dem Maße, wie die sogenannte individua- 
listische Gestaltung der Gesellschaft zur Wahrheit wird, Fortschritte 
macht. Die teleologische, bzw. kausale Betrachtung als Ausdruck der 
zeitweiligen wirtschaftlichen Verhältnisse anzusehen, geht doch nicht 
an. Sombart meint, daß heute „die Zeit erfüllt ist, dem kausalen 
Erklärungsprinzip zu der herrschenden Stellung in der Sozialwissen- 
schaft der Gegenwart zu verhelfen, die ihm gebührt." Tatsache ist 
aber, daß schon seit einiger Zeit die teleologische Betrachtungsweise 
sich einer zunehmenden Beliebtheit erfreut und zwar nicht bei den schlech- 
testen Köpfen. Jm übrigen ist es nicht ganz einfach zu sagen, was 
„individualistische" Gestaltung der Gesellschaft ist, und es herrscht auch 
kein communis consensus darüber, daß, wie Sombart sagt, die Einzel- 
wirtschaft immer mehr in die alleinige Abhängigkeit vom „Markte“ 
gerät (S. XVT). 
E
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.