fullscreen: Bevölkerungslehre

2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 279 
Zeit. Denn in den ersten Jahren nach dem Weltkriege kam noch 
die Tatsache zur Geltung, daß in diesen ersten Jahren eine starke 
Zunahme der Ehehäufigkeit eingetreten ist. Erst seitdem diese 
wieder ihren normalen Stand erreicht hat, wird der Rückgang der 
Geburtenüberschüsse stärker sichtbar. Mit dieser Entwicklung nähern 
wir uns wieder den Geburtenüberschüssen, wie sie in Europa etwa 
um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Regel waren *). Freilich ist 
ein großer Unterschied vorhanden, auf den oben bereits hingewiesen 
wurde. Trotzdem der Geburtenüberschuß etwa wieder die Höhe 
hat, wie um die Mitte des 19. Jahrhunderts, ist das absolute Wachs- 
tum der Bevölkerung wesentlich stärker geworden. Auf diesen 
Punkt kann nicht nachdrücklich genug hingewiesen werden. Es 
betrug im deutschen Reiche der Überschuß der Geborenen über 
die Gestorbenen im Durchschnitt der Jahre 
absolut auf 1000 der Bevölkerung 
1846—50 283 807 8,1 
[923-—26 497 618 8.1 
Wir haben bereits gesehen, daß es im Hinblick auf die Be- 
ziehungen zwischen Wirtschaft und Bevölkerung nicht auf die relative, 
sondern auf die absolute Zunahme der Bevölkerung ankommt. Von 
den Ursachen des rückläufigen Geburtenüberschusses und der weiteren 
Bedeutung dieser Entwicklung wird nachher noch zu sprechen sein. 
Diese Tendenz zu einem Rückgang der Geburtenüberschüsse macht 
sich in europäischen und außereuropäischen Staaten mit wenigen 
Ausnahmen bemerkbar. Es läßt sich freilich heute noch nicht über- 
sehen, wie lange und wie stark diese Tendenz noch {fortschreiten 
wird, ob sie auf die Dauer stark genug sein wird, worauf es 
ja in allererster Linie ankommt, auch in bedrohlicherem Ausmaße 
vermindernd auf die absolute Zunahme der Bevölkerung einzuwirken. 
Innerhalb gewisser Grenzen kann eben die Zuwachsrate sinken, ohne 
daß das absolute Wachstum der Bevölkerung dadurch eine Ver- 
minderung erfährt. Die Zuwachsrate kann z. B. innerhalb von 
24 Jahren um ein Drittel abnehmen, ohne daß dabei die absolute 
Zunahme der Bevölkerung geringer wird. 
Aus dem Gesagten ergibt sich bereits, daß der für das Wachs- 
tum eines Volkes maßgebende Faktor der Geburtenüberschuß 
ist, der Unterschied zwischen der Zahl der Geburten und der Zahl der 
Todesfälle. Für die ganze Erde betrachtet, fällt das Volkswachstum 
mit dem Geburtenüberschuß zusammen. Anders liegen die Ver- 
hältnisse, wenn man einzelne Länder ins Auge faßt. Je nachdem 
a nn Mombert, Studien, a. a. O., Tabelle, S. 264.
	        
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