396 VI. Großhändler und Kleinhändler im deutschen Mittelalter.
sammengeseßt haben. Und aus den lettern wird überhaupt
mancher zum Großkaufmann aufgestiegen sein: er brauchte ja
nur, wenn er etwa Groß- und Kleinhandel verband, jenen all-
mählich zur Grundlage seiner Tätigkeit zu machen.)) Das Um
gekehrte wird freilich ebenfalls oft vorgekommen sein?). Mit-
glieder von Handwerkerzünften haben auch mehrmals Groß
handelshäuser begründet.?) Die Zugehörigkeit zur Zunft machte
jedoch dabei nichts aus, war nur ein Hindernis. Und auch sonst
ist das Aussteigen zum Großkaufmann eben das Wert des einzel-
nen gewesen, der die Spanntraft besaß, sich über seine Verhält-
nisse zu erheben. Mehrfach sind ganze Handwerkergruppen zu
Inhabern von Großbetrieben und damit auch zu Großhändlern
aufgestiegen. So die Tucher (Drapiers) in Flandern, die Tucher
in Straßburg und Speier), die Marner in Ulm. Diese haben
den gleichen Ursprung wie die Straßburger Tucher, entwickeln
sich aus den Wollschlägern, übernehmen als Wollhändler die
Führung, indem sie die Rohwolle einkaufen, durch die Hilfs-
gewerbe verarbeiten lassen und endlich das fertige Produkt wie-
der auf den Markt bringen. Sie gehen aber in dem Maß des
Fernhandels beträchtlich über die Straßburger Tucher hinaus;
„sie kaufen Wolle am Rhein und bezahlen sie mit Salz und Eisen,
das sie aus Bayern oder Österreich geholt haben; zu deren Be-
zahlung aber wiederum verwenden Jie Tuche. die ein Erzeugnis
sind aus eben jener Wolle und der von ihnen selbst geleiteten hei-
mischen Industries). Übrigens hielten auch diese weit aus-
greifenden Händler daheim für ihre Zunft noch an dem Privileg
des Ausschnitts der Ulmer Tuche fest, und auswärts werden sie
den Kleinhandel, wo er sich ihnen bot, gleichfalls nicht verschmäht
haben.
Endlich könnten wir ein zusammenfassendes Wort den Ur-
sachen für das Fehlen eines Großkaufmannsstandes im Mittel-
1) Vergl. oben S. 353 über A. Ryff.
j Y % 1§5 MU le cbgazme;t S. 94.
41) S. oben S. 328 und Keutgen, Hans. Gbl. 1901, S. 97.
5) Keutgen, S. 100.