Object : Mexico

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Die  Dringlichkeitsfrage  sozialer  Aufgaben

B ei  politischen  Gesprächen  mit  Arbeitern  erhielt ­
  ich  immer  die  Frage:  „Was  tut  der
Liberalismus  für  die  arbeitenden  Klassen,  und
was  haben  wir  für  die  Zukunft  zu  erhoffen.“
Diese  Fragen  sind  gewiss  natürlich  und  die  nächstliegenden.
  Und  doch  ist  es  nicht  so  einfach, ­
  sie  zu  beantworten.  Ja  selbst  auf  liberalen
Versammlungen,  in  denen  derartige  Fragen  gestellt ­
  wurden,  hörte  ich  fast  immer  wenig  befriedigende ­
  Antworten.
Die  liberale,  politische  und  Lebens-Auffassung
ist  weder  an  Berufsstellung  gebunden,  noch  an
Besitz  oder  Besitzlosigkeit.  Es  gibt  daher  weder
einen  besonderen  Liberalismus  für  die  arbeitenden
Klassen,  noch  einen  für  die  Reichen.  Es  gibt  nur
die  eine  freiheitliche  Auffassung  vom  Recht  jedes
Menschen  auf  Freiheit,  Gleichberechtigung  und
Glück,  und  die  Pflicht,  jedem  Menschen  zu  helfen,
dass  er  dahin  gelange,  wohin  ihn  seine  besondere
Veranlagung  steuern  will,  soweit  diese  sich  nicht
gegen  die  allgemeinen  menschlichen  Interessen
richtet.  Freie  Bahn  für  alle,  die  vorwärts  wollen
mit  ehrlichen  Mitteln,  Wahrhaftigkeit,  und  im  ehrlichen ­
  Kampfe.  Es  ist  aber  nun  richtig,  dass  die
Menschen  sich  in  ganz  verschiedenen  Lagen
befinden  und  eine  schnellere  Befreiung  aus  ihren
Bedrängnissen  für  die  einen  dringlicher  als  für
andere  ist.  Es  ist  richtig,  dass  die  arbeitenden  Klassen
von  vielen  Nöten  geplagt  sind,  die  den  Beamten,
den  selbständigen  Mittelstand  weniger  hart
treffen,  obgleich  diese  wie  jeder  Stand  seine
Sorgen  und  Klagen  hat.  Deshalb  ist  es  berechtigt,
wenn  der  Arbeiter,  der  mit  Not  und  Armut  am
häufigsten  zu  kämpfen  hat,  die  erste  Frage  stellt;
„Was  tut  ihr  für  die  arbeitenden  Klassen?“  Von
allen  Bedürfnissen  ist  das  Stillen  des  Hungers  das
wichtigste,  von  allen  Plagen  sind  die  Arbeitslosigkeit ­
  und  das  Wohnungselend  die  folgenschwersten.
Die  liberale  Partei  ist  eine  Gegenwartspartei.
Sie  vertröstet  nicht  auf  die  Zukunft.  Sie  arbeitet ­
  für  den  Fortschritt  in  der  Gegenwart,  weil
die  Entwicklung  in  der  Zukunft  garnicht  abgeschätzt ­
  werden  kann.  Die  Umwälzungen  in
einem  Jahrzehnt  durch  die  gewaltigen  Fortschritte
der  Technik  sind  so  bedeutend,  dass  jede  Möglichkeit ­
  fehlt,  mit  der  Zukunft  zu  rechnen,  zumal
von  Tag  zu  Tag  mehr  Menschen  geistig  schaffend
und  umwälzend  arbeiten,  und  neue  technischeund
kulturelle  Wege  erschliessen  helfen.
Ein  Staat  von  65  Millionen  Menschen  kann  sich
nur  in  der  Weise  erneuern  und  umgestalten,  dass
er  entsprechend  der  Dringlichkeit  der  Bedürfnisse
Umbauten  dort  vornimmt,  wo  sie  erforderlich
werden.  Das  Problem  der  Arbeitslosigkeit  ist
sicher  sehr  erheblich  dringender  als  z.  B.  der
Kampf  gegen  Standesvorrechte.  Es  entsteht  daher
ganz  natürlich  die  Frage  in  den  arbeitenden
Klassen:  Wer  hilft  uns  am  schnellsten  und  wer

bemüht  sich  am  eifrigsten  in  der  Sache?
Und  da  gibt  es  für  den  Arbeiter  meistens
keinen  Zweifel.
Im  bürgerlichen  Liberalismus  ist  bei  den  verschiedenartigen ­
  Berufsinteressen  der  Parteianhänger ­
  und  ihrer  ausgedehnten  Teilnahme  an  den
Tagesproblemen  und  und  Anregungen  der  Zeit
die  Durchführung  politischer  Agitation  erheblich
erschwert.  Der  bürgerliche  Mittelstand  hat
viele  andere  Ablenkungen  von  der  täglichen
Berufsarbeit  und  von  zahlreichen  eignen  Sorgen,
um  in  seinen  freien  Stunden  an  nichts  anderes
zu  denken,  als  an  die  Not  seiner  Mitmenschen.
Anders  ist  es  aber  bei  denjenigen,  denen  die  Not
auf  den  Fingernägeln  brennt.
Auf  kirchlichem  Gebiet  ist  es  das  gleiche.  Auch
hier  gibt  es  einen  Liberalismus,  der  bedeutender
und  verbreiteter  ist,  als  man  allgemeinhin  annimmt. ­
  Aber  es  fehlt  das  Erkennen  der  Dringlichkeit, ­
  es  fehlt  die  grosse  Leidenschaft.  In
Landesteilen,  in  denen  die  freiheitliche  Auffassung
eine  stärkere  Bedrückung  erfährt,  erwacht  unter
dem  Druck  der  Not  die  Erkenntnis  der  Dringlichkeit, ­
  der  Strom  staut  sich  und  beginnt  beim
Hindernis  zu  brausen,  während  man  vorher  überhaupt ­
  nicht  hörte,  dass  er  da  war.  Der  Arbeiter
braucht  täglich  Arbeit,  er  zählt  die  Stunden,  die
ihn  aus  der  bedrückenden  Schlafstelle  erlösen
werden,  die  seine  Kinder  von  mörderischen
Krankheiten  der  Unterernährung  befreien,  und
die  ihm  dann  ein  freies  Wahlrecht  und  die
Mitarbeit  an  der  Gestaltung  seiner  Lebensbedingungen ­
  und  Mitverantwortlichkeit  bringen
werden.
Er  wendet  sich  an  die  Sozialdemokratie,  die
keine  halbe  Arbeit,  sondern  ganze  Arbeit  tun  will,
die  das  Messer  an  das  Geschwür  setzen  will,  statt
mit  Pflastern  eine  Heilung  zu  versuchen;  er  berauscht ­
  sich  an  dem  Gedanken,  dass  die  Enteignung ­
  des  Besitzes  kommen  wird,  und  damit
die  schweren  Ungerechtigkeiten  verschwinden
werden,  unter  denen  er  leidet.
Pfarrer  Traub  sagte  auf  dem  letzten  Protestantentag: ­
  „Jesus  wollte  garnichts  von  Qlaubensvorstellungen
  wissen,  er  wollte  einen  Willen,  den
Willen  zu  helfen."  Und  Gastrow-Hamburgsagte:
„Es  gibt  keine  Norm  des  reinen  Christentums.
Die  Wahrheit  liegt  im  Wahrheit  suchen.“
Ob  die  grossen  sozialen  Probleme  auf  dem
Boden  des  freien  Wettbewerbes,  des  freien  Spiels
wirtschaftlicher  Kräfte,  oder  durch  eine  Weiterentwicklung ­
  der  bereits  recht  zahlreichen  Verstaatlichungen ­
  und  Verstadtlichungen  gelöst
werden,  ist  völlig  belanglos.  Es  fehlt  uns  jede
Möglichkeit,  die  zukünftige  Entwicklung  abzuschätzen ­
  und  uns  auf  ein  bestimmtes  Verfahren,
wie  z.  B.  die  Enteignung  der  Besitzenden  festzulegen. ­
  Aber  was  wir  von  einer  politischen  Partei
            
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