Object: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Dichtung. 
für ihn in dieser Hinsicht charakteristisch, daß er keine Schule 
gebildet und keinen Anhang gefunden hat. Selbstverständlich 
soll dabei mit dem Worte „Übergangsdrama“ kein Werturteil, 
etwa gar in tadelndem Sinne, ausgesprochen werden. Wer weiß 
denn schließlich, ob aus der Vereinigung von alt und neu, die 
Sudermann immer wieder in stets neuen Schattierungen schafft, 
nicht am Ende doch wenigstens zu einem Teile die Kunstform 
der Zukunft hervorgehen wird? Hat nicht der Klassizismus 
des 18. Jahrhunderts die Vereinigung der Neuerungen der 
Empfindsamkeit und des Sturms und Drangs mit Früherem, 
freilich unter starkem Einschuß der Antike und eigener selb— 
ständiger Eigenschaften gebracht? 
Im ganzen darf man wohl betonen, daß Sudermann sich dem 
naturalistischen Impressionismus von vornherein auch deshalb 
nicht voll hingab, weil ihn schon sehr früh ethische Probleme 
tiefer beschäftigten als andere gleichzeitige Dramatiker. Er ist 
selbst im Innersten tief leidenschaftlich und räumt darum der 
großen, auf dem Naturboden auch der Gegenwart gewachsenen 
Leidenschaft mit ihrem Ethos und Pathos in allen seinen 
Stücken, selbst da, wo sie, wie in dem stark modernen „Johannes“, 
halb pervers auftritt, eine entscheidende Stelle ein, — wenn er 
sie auch nie ohne allerlei Vorbehalt austoben läßt. So wittert 
er gleichsam ein neues sittliches Ideal, ohne es ganz zu erreichen. 
Diese Zwitterstellung giebt ihm einerseits immer wieder 
den Anstoß, Persönlichkeiten von einer Freiheit und Größe des 
Wuchses zu schildern, wie sie wenigstens der physiologische 
Impressionismus nicht leicht verträgt, und andererseits doch 
auch wieder die impressionistische Technik immer stärker und 
mit steigender Meisterschaft zu pflegen. Und dabei ist unver— 
kennbar, daß sich zwischen den zwiespältigen Richtungen seines 
Schaffens immer mehr ein Ausgleich vollzieht in dem Sinne, 
daß eine voll impressionistische Technik in stetiger Fortbildung 
schließlich doch einer leisen Stilisierung dienen lernt unter dem 
Einfluß allgemeiner, auf eine besondere Schicksalsidee hinaus— 
laufender Tendenzen. 
Von Sudermann haben wir die „Ehre“ (1890), „Sodoms
	        
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