Religiöse Bewegung; Luther.
2867
Kräfte oder Leistungen, sondern allein durch den Glauben.
Diesem Glauben aber folgt die Liebe, und die Liebe erst thut
alles gute Werk, denn sie ist des Gesetzes Erfüllung. Daraus
siehst du, daß zu einer würdigen Feier der Messe nichts anderes
erforderlich ist, als der Glaube. Ihm folgt alsbald von selbst
die innigste Bewegung des Herzens, durch die der Geist des
Menschen weit und fruchtbar gemacht wird, so daß er zu
Christus, dem freundlichen und gütigen Testator, sich hingezogen
fühlt und ein ganz anderer und neuer Mensch wird.
Aber wie viele wissen denn jetzt, daß der Inhalt der
Messe Christi Verheißung ist? Statt auf den Sinn, legt man
allen Wert auf das äußere Zeichen, auf Brot und Wein der
Sakramente; damit geht der Glaube unter, und Werke und
Satzungen des Werks treten an seine Statt. Von da ist's
weiter gegangen bis zu dem äußersten Maß des Unsinns, daß
man erlogen hat, die Messe wirke in Kraft des äußerlichen
Vollzugs: und auf diesen Sand hat man Zuwendungen, An—⸗
teilschaften, Bruderschaften, Seelmessen und dergleichen zahl⸗
lose Gewinn⸗ und Erwerbsgeschäfte gebaut und das ehrwürdige
Testament Gottes der Knechtschaft ruchlosen Gewinns unter⸗
worfen.
Was hier gilt, das gilt auch für die anderen Sakra—
mente: das kirchliche Dogma betrachtet sie nicht als Symbol,
als Zeichen der Verheißung, sondern hat ihnen eine objektiv
wirksame Kraft der Rechtfertigung untergeschoben auf Kosten
des persönlichen Elementes, des Glaubens: man hängt allein
an dem Zeichen und an dem Gebrauch des Zeichens und zerrt
ins vom Glauben ins Werk, und aus dem Wort ins Zeichen:
dadurch hat man die Sakramente nicht nur gefangen, sondern,
soviel das möglich, völlig abgethan. Nun sollen wir zwar
diese Tyrannei thatsächlich ertragen, wie jede Gewaltthätigkeit
der Welt. Allein die Päpste wollen darüber hinaus das Be⸗
wußtsein unserer Freiheit so verstricken, daß wir glauben
sollen, alles was sie thun, sei wohlgethan, und es sei nicht
erlaubt, es zu tadeln und ihres unbilligen Thuns uns zu be⸗
klagen, und während sie Wölfe sind, wollen sie als Hirten er⸗