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Motiv, welches nach Pirennes’ Theorie den Handel und die Städte
in der Karolingerzeit zur Bedeutungslosigkeit herabgedrückt
haben soll, das Vordringen der Araber, hat an verschiedenen
Stellen gerade im 10. Jahrhundert viel schwerere Schäden bewirkt
als zur Karolingerzeit. Das ist aus den von A. Schaube für die
Mittelmeergebiete zusammengestellten Quellenbelegen zu er-
schen. Gerade das 10. Jahrhundert bedeutet dort keine Renais-
sance des Handels — wie Pirenne behauptet —, sondern dessen
Verfall. Der Bischof von Marseille vermochte 923 nicht mehr in
seiner Stadt zu bleiben wegen der unausgesetzten Einfälle der
Sarazenen. Erzbischof Ulrich v. Aix (928—947) floh vor ihnen
nach Reims. Bischof und Kapitel von Maguelone verlegten ihren
Sitz zwei Meilen landeinwärts, um vor den Überfällen der Feinde
sicher zu sein. Schaube setzt die Vernichtung des südfranzösischen
Handels eben ins 10. Jahrhundert®). Noch am Anfang des 11. Jahr-
hunderts plünderten die Sarazenen die Abtei auf der Insel
St. Honore de Le&rins (1021) und belagerten Narbonne®).
Ähnliches ist durch die neuere Forschung auch für den
Norden und die Normannen dargetan worden. Der Handels-
verkehr in Utrecht war im 10. Jahrhundert keineswegs be-
deutend**), und auch die niederrheinischen Gebiete hatten damals
noch immer unter den Einfällen der Normannen schwer zu
leiden?!)
Die alten Handelsstädte der Karolingerzeit, Quentowick und
Dorestad, verfielen, nicht einmal ihre Namen erhielten sich. Die
friesische Kaufmannsbevölkerung verzog sich weiter in das Land
hinein??).
Erst seit Ende des 10. und Anfang des ı1. Jahrhunderts tritt
Tiel an der Waal die Erbschaft Dorestads an. Für die Schiffahrt
des Niederrheines nach England fehlen fast durch das ganze
10. Jahrhundert Belege einer Entwicklung!!). Hamburg hatte im
®) Handelsgesch. d. roman. Völker u. des Mittelmeergebietes bis z. Ende d.
Kreuzzüge (1906) S. 98.
*) Ebda. S. 99.
*) Vgl. P. Kletler, Nordwesteuropas Verkehr, Handel und Gewerbe im
frühen MA. 1924, S. 156.
1») Vgl. W. Vogel, Die Normannen und das Fränkische Reich bis zur
Gründung d. Normandie (1906), S. 308.
») W. Vogel, Gesch. d. deutschen Seeschiffahrt. 1, 100f. (1915).
18) Ebda. S. 106.