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Die obigen Angaben zeigen, wie erheblich die Lohnverhältnisse
in Deutschland hinter England und Amerika zurückgeblieben sind,
Die verhältnismäßig hohen Zahlen der deutschen Lohnsätze und die
Angaben über die Wohnungsverhältnisse zeigen, daß man es nicht
mit gewöhnlichen, sondern qualifizierten Arbeitern zu thun hat, die auf
höherer Stufe stehen, sonst würde der Unterschied noch größer sein.
Die bessere Lage der amerikanischen und englischen Arbeiter wird
noch dadurch erhöht, daß die gewöhnlichen Lebensmittel und Woh-
nungseinrichtungen, in England auch die Kleidung weit billiger sind, als
in Deutschland, wofür Gould auch Beläge liefert, welche aber noch
hinter den thatsächlichen Verhältnissen zurückbleiben. Die Wohnungen
sind in Wirklichkeit dort nicht teurer wie hier. Die Zahlen müssen
natürlich für jene Länder an Miete höhere sein, da mehr Zimmer,
bessere Ausstattung und meist ein eigenes Haus verlangt werden,
während in Deutschland die Wohnungen gewöhnlich sehr beschränkt und
lürftig sind. Der Unterschied des für die Wohnung ausgegebenen
Prozentsatzes vom Einkommen dürfte zu extrem sein. Auch in Deutsch-
land wird namentlich in den größeren Städten ein erheblich höherer
Prozentsatz ‚als 6%, für die Wohnung ausgegeben. Dagegen sind in
jenen Ländern die Schwankungen in der Beschäftigung stärker, weil
die Unternehmer mit viel größerer Rücksichtslosigkeit die Thätigkeit
ainschränken und Arbeiter entlassen, sobald die Konjunkturen un-
günstiger werden, wie in Deutschland. Ebenso werden dort ältere
Arbeiter, die lange Jahre dem Unternehmen gedient haben, ohne Be-
denken abgestoßen, sobald ihre Arbeitskraft nachläßt, und sich selbst
überlassen, was hier doch nur ausnahmsweise vorkommt, wo außerdem
die Arbeiterversicherung ihnen einen ergänzenden Alterslohn gewährt,
den man im Auslande nicht kennt.
Lohn- Wenden wir uns aber der Untersuchung zu, wodurch überhaupt
egulierung. die Höhe des Lohnes bestimmt wird und auf welche Weise und wie
weit eine Lohnsteigerung erzielt werden kann.
Die Minimalgrenze des Lohnes der einfachen Arbeiter bildet
naturgemäß der gemeingewöhnliche Lebensunterhalt, wie er nach der
Kulturstufe und den Gewohnheiten zur Unterhaltung der Familie in
den unteren Klassen gebraucht wird. Es handelt sich hierbei nicht nur
um das zur Existenz Notwendige, sondern auch um weitergehende Be-
dürfnisse, wie sie sich als der Kulturstufe des Landes entsprechend
allmählich thatsächlich und gemeingewöhnlich eingebürgert haben. Es
braucht also nicht eine Verringerung dieses Lohnes sofort eine Hungers-
not herbeizuführen, und doch hält der Arbeiter an diesem Minimum
mit der außerordentlichsten Zähigkeit fest. Er wechselt den Beruf,
verläßt die engere Heimat und selbst unter unseren Verhältnissen das
Vaterland, ehe er sich unter jenes Minimum herabdrücken läßt; und
die öffentliche Meinung steht ihm zur Seite, um ihn darin zu unter-
stützen, Diese durchschnittliche Lebenshaltung (standard of life) kann
deshalb mit den Produktionskosten der Waren verglichen werden.
Der Lohn unterscheidet sich aber wesentlich von dem Preise der
Ware dadurch, daß, während bei der letzteren fortdauernd mit der
Kulturentwickelung eine Senkung der Produktionskosten erstrebt und
erreicht wird, bei dem Arbeitslohn in aufblühenden Völkern eine fort-
Jauernde Steigerung sich durchringt, auch wenn die rein wirtschaft-
lichen Verhältnisse eine besondere Veranlassung dazu nicht geben.
Die alte Schule, insbesondere Ricardo, lehrten nun, daß die Lohn-