Full text: Der Pommersche Landbund

312 Die Abstufung der Gesellschaft (Gemeinschaft und „Gesellschaft“). 
Inhalt des geselligen Lebens entgegentreten. Das gilt von der Kirmes 
der bayerischen Bauern an, die für sie ohne Streit und Totschlag kaum 
denkbar ist, bis zu den Ehepaaren Strindbergs, die nur noch durch den 
Haß zusammengehalten werden. Die Kampftätigkeit entspringt hier 
dem Funktionsbedürfnis und zugleich dem Sensationsbedürfnis, das nach 
einer Abwechslung in einem eintönigen Dasein schmachtet. 
Für das legte noch zwei Proben aus der ethnographischen Literatur, die uns 
zeigen, daß die hier erörterte enge Verquickung von Kampf und Geselligkeit nicht 
etwa unserer Kulturstufe eigentümlich ist. Von den melanesischen Kai berichtet bei 
Gelegenheit der Beschreibung der Totenfeste eine Quelle: „Die Männer gehen immer 
nur schwer bewaffnet zur Trauer, da sie nie sicher sind, wie sie empfangen. werden. 
Sie können nicht vorher wissen, ob nicht irgend ein guter Freund des Toten sie der 
Zauberei beschuldigt und die Schuld an dem Tode des Mannes ihnen zuschreibt“ 
(Neuhauß, Deutsch-Neuguinea III, 81). Wer dächte bei diesen Worten nicht an die 
iber die Donau an Egels Hof ziehenden Nibelungen. Hier wie dort sucht man eine 
Vereinigung mit anderen teils wegen, teils trog der Möglichkeit eines Kampfes, 
teils endlich unter der Herrschaft des Ehrengebotes. — Die zweite Mitteilung läßt 
uns den Kampf als eine reine Würze der Geselligkeit erscheinen, ähnlich wie bei den 
Raufereien der jungen Burschen bei den dörflichen Festlichkeiten. Sie schildert einen 
gigenartigen Markt am oberen Benue: „Bald erblickten wir am anderen Ufer einen 
Menschenknäuel und zahlreiche Kanus. ‚That is a market‘, erklärte der Pilot. Es war 
allerdings eine heitere Art ‚market‘, den wir beim Vorbeifahren hier zu sehen be- 
kamen. Auf der einen Seite standen die wilden Mutschi und brachten Felle und Fleisch 
zum Verkauf, auf der anderen Seite die Djikum mit Fischen und Korn. Es waren 
aber nur Männer anwesend, und ein jeder stand kampfbereit, Bogen und Pfeil in der 
‚inken, das Spannmesser in der rechten Hand, vor seinen Schägen; in jedem Kanu saß, 
zum Rudern fertig, ein Djikum, denn mit Mord und Totschlag pflegen hier die Handels- 
geschäfte zu enden. Wenn dann der Kriegslärm ertönt, springt der Mutschi ins Ge- 
büsch, der Djikum retiriert in sein Kanu, Pfeile und Schimpfreden fliegen hin und 
aer; mit dem Verlust von einigen Toten auf jeder Seite kehrt jede Partei befriedigt 
aach Hause zurück‘ (Passarge, Adamaua S. 360). 
8. Die vorstehenden Betrachtungen lassen sich auch auf den Krieg 
anwenden. Die populäre Meinung, vielfach durch eine falsche Anwen- 
dung der Darwinschen Lehre beeinflußt, erblickt im Kriege gern eine 
bloße Form der Gewalt. Diese Auffassung ist, von dem sogleich zu er- 
wähnenden Falle des Vernichtungskrieges abgesehen, in mehrfacher Hin- 
sicht irrig. Der bloße Gewaltkampf nach Art des tierischen Kampfes 
kennt kein Gruppenselbstgefühl, keinen Kampf um die Ehre der Gruppe 
und keinen Stolz des Ruhmes: die heroische Seite des menschlichen. 
Kampfes ist ihm völlig fremd. Ferner ist im Kriege die Anwendung der 
Gewalt nur Mittel, der eigentliche Zweck aber die Erweckung der Über- 
zeugung von der eigenen Überlegenheit, also eine seelische Beeinflussung. 
Endlich würde ein reines Gewaltverhältnis die Verneinung jedes sozialen: 
Verhältnisses bedeuten. In Wirklichkeit gehört auch der Krieg noch zu 
lem Typus des gesellschaftlichen Kampfes. wenn er auch hart an der
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.