Oie Reichsbank und die Gesterreichisch-Ungarische Lank hatten nach
ihren Notengesetzen die stärkste Nusdehnungsmöglichkeit, während die
Lank von Frankreich von ihrer Höchstgrenze nicht weit entfernt war,-
aber die französische Notenbank hielt ihre Leihrate niedriger als die
deutsche und österreichische.
An Stelle des Konstatierungsstandpunkts sind bankpolitische Cr-
wägungen getreten: Oie Zukunftsbelastung wird abgeschätzt. Aber noch
immer sind, wie die angeführten Beispiele zeigen, Gesichtspunkte der
künftigen Liquidität der Bank für die Bestimmung der Bankrate ent
scheidend. Infolge dessen können Notenbanken, die durch Anwendung
aller bankpolitischen Mittel den Goldbestand des Landes bei sich konzen
triert haben, unter Umständen die gleiche Rate erheben wie Noten
banken anderer Länder, die an Gold— aber auch an Leihkapital — un
gleich reicher sind. Oie Gesterreichisch-Ungarische Bank hat in den
letzten Konjunkturen mit wenigen Ausnahmen die gleiche Bankrate
aufgewiesen wie die Reichsbank, obwohl bei ungefähr gleichem Noten
umlauf der gesamte Goldbestand der Monarchie kaum 40% des deutschen
Goldbesitzes betrug und das Verhältnis zwischen Angebot und Nach
frage auf dem Geldmarkt in Wien fast stets ungünstiger war als in
Berlin. Oie Reichsbank/und die Gesterreichisch-Ungarische Lank hatten
zum Beispiel im Mai 1914 die gleiche Rate von 4%, obwohl die Wiener
Banken für Einlagegelder 4%, die Berliner nur 2% vergüteten. Dos
Beispiel zeigt klar die Unzulänglichkeit einer Diskontpolitik, die nur
von der Berechnung der künftigen Ansprüche an die Notenbank allein
ausgeht und den Geldmarktunterschieden nicht Rechnung trägt. Oie
im Verhältnis zum Ausland zu niedrige Bankrate wirkt auch auf den
Privatsatz ein, hemmt das Einströmen kurzfristigen Leihgeldes aus dem
Ausland und unterläßt den Druck auf die Wirtschaft zur Verbesserung
der Handelsbilanz. Oie bankpolitischen Mittel haben die Aufgabe, die
Notenbank zu stärken und die wirtschaft vor zu häufigen Aenderungen
der Bankrate zu schützen; werden sie aber als Vorwand einer Diskont
politik benützt, die an den Verhältnissen des Geldmarkts im vergleich
zum Ausland gemessen mit zu niedrigen Lätzen arbeitet, so kann da
durch die Volkswirtschaft dauernd benachteiligt werden; bei inneren
Krisen, vor allem aber im Krieg wird die Unzulänglichkeit des inneren
Goldbestandes deutlich sichtbar.
Diese Gefahr liegt namentlich in jenen Reichen nahe, in denen
die bankpolitischen Mittel weit ausgebildet sind. Oie Notenbank kann
prinzipiell die ungedeckten Noten zum Kostenpreis hergeben, das ist
zu jenem preis, der sich aus dem Notendruck und der verwaltungs-