Kapitel III. Die Pessimisten.
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zwangen wird, immer undankbarere Felder zn bewirtschaften und
immer drückendere Produktionsmittel anzuwenden. Sie erscheint daher
wie ein wissenschaftlicher Beweis des Fluches der Genesis: „Dornen
und Disteln soll er (der Acker) dir tragen; . . . und im Schweiße
deines Angesichts sollst du dein Brot essen.“
Allerdings war Ricardo nicht so pessimistisch, zu glauben, das
Menschengeschlecht würde durch diese unheilvolle Verschlechterung
des kostbarsten aller Produktionsmittel, das ihm das tägliche Brot
gibt, der Hungersnot ausgeliefert werden, und sich den Schädel an
einer ehernen Mauer einrennen müssen. Nein, er gab zu, daß andere
wohltätige Kräfte, die Fortschritte der landwirtschaftlichen Wissen
schaft und die Verwendung von reichlicheren Kapitalien, dieses
Hindernis überwinden würden.
„Obgleich die Felder, die heute bewirtschaftet werden, bedeutend
schlechter sind als die, die vor Jahrhunderten angebaut wurden, und
obgleich die Produktion daher größere Schwierigkeiten zu überwinden
hat, so kann doch kein Zweifel bestehen, daß die heutige Menge der
Produkte die der Vergangenheit bei weitem übersteigt!“ (S. 190).
Die Theorie Bicardo’s leugnete also nicht den Fortschritt, aber
sie zeigte doch, daß die zn überwindenden Schwierigkeiten sich ständig
steigern und, wenn auch nicht der Hungersnot, so doch der Teuerung
zutreiben. Wer würde zu behaupten wagen, daß die Befürchtungen
Ricaedo’s nicht eingetreten wären, wenn die britischen Inseln jetzt
die Lebensmittel für ihre 45 Millionen Bewohner allein auf ihrem
Boden gewinnen sollten?
Es ist natürlich leicht, Bicaedo heute vorzuwerfen 1 ), daß er die
erstaunliche Entwicklung der Transportmittel und die Lebensmittel
einfuhr unserer Tage nicht vorausgesehen habe, deren Folge nicht
nur ein Stillstand, sondern ein Sinken der Bodenrente gewesen ist.
Heute scheinen die Klagen der Grundbesitzer in England und allen
alten Ländern die Theorie Ricardo’s Lügen zu strafen 2 ). W r er kann
‘) „Ebenso wie Malthüs, ist auch Ricakdo ein falscher Prophet und schlechter
Verkündiger gewesen . . . Das, was man hochtrabend das Gesetz Eioakdo’s nennt,
ist eine glatte Lüge.“ (Economiste Frangais, 21. März 1908, in einem Aufsatz
de Fovillb’s über „les variations de la valeur du sol en Angleterre au
XIX. siede“, die Wertschwankungen des Bodens im England des 19. Jahrhunderts.)
2 ) Ans einem vor der Eoyal Statistical Society von Eobekt Thomson ge
haltenen Vortrag (17. Dez. 1907) ergibt sich, daß die Bodenrente, die 1801—1806
auf 11 sh. 2 pence für den Acker geschätzt wurde, nach und nach auf 20 sh. stieg
(1841- 1845) und trotz der Aufhebung der Schutzzölle ihre aufsteigende Bewegung
fortgesetzt hat, bis sie 1872—1877 ihr Maximum erreichte und 29 sh. 4 pence betrug,
von welchem Zeitpunkt sie allmählich auf den heutigen Stand, 20 sh. für den Acker
(M. 50 für den Hektar) gefallen ist. Die heutige Summe ist also noch mehr als das
doppelte des zur Zeit Eioardo’s bestehenden Betrages; man muß aber berücksichtigen,