6 Aufgaben und Methoden der Volkswirtschaftslehre.
von Möglichkeiten für die Lösung des simplen problems an
gedeutet, wie wir unseren Lebensunterhalt erwerben sollen.
Der Mensch ist aber ein Wesen, das nicht nur unter Natur-
bedingungen lebt, sondern auch unter geschichtlichen. Nicht das
interessiert uns zunächst, wie der Naturmensch in Australien oder
Afrika lebt, der seinen übergroßen junger durch Erjagen von
mehr Tieren oder Sammeln von mehr Früchten stillt; nein für
uns selbst gilt die Frage, wovon wir leben sollen, wir können
nicht einfach Tiere jagen oder wurzeln graben; unsere Arbeit ist
eine andere, wir verkaufen vielleicht wären oder schmieden
Nägel; wo finden sich aber die Käufer, die uns nun gleich doppelt
so viel waren abkaufen oder Nägel verlangen, wenn unsere Be
dürfnisse steigen? wir sind abhängig von anderen geworden, die
freilich auch uns wieder verpflichtet sind. Denn wir verkaufen
ja nur, um zu kaufen; und wir kaufen nicht nur Nahrungsmittel.
Unser Hunger ist gewachsen; wir hungern nach Behagen, nach
Schönheit, nach wissen; aber auch nach Veränderung, nach Sen
sation, nach Erregung. Für jedes unserer tausend Bedürfnisse
-tritt ein anderer ein, wie unsere eigene Arbeit Tausenden zugute
kommt.
Mag unser verlangen unter all den neuen Masken im Grunde
stets das gleiche sein, so sind die Wege zu seiner Stillung doch
gänzlich verändert, sind Umwege geworden, die scheinbar oft
genug vom ersehnten Ziel ganz abweicheir. hier will die Wissen
schaft Führerin sein; sie zeigt die großen Richtlinien, unbeirrt
durch die zufälligen Erscheinungen des Tages. Aber man ver
stehe richtig: die Nationalökonomie ist keine Kunst des
Goldmachens, keine Anweisung zum Reichwerden; sie ist eine
Wissenschaft. Das will besagen, daß ihr Ziel nichts an
deres ist als Erkennen und Erklären.
3m Grunde gibt es nur eine einzige Wissenschaft, und nur die
Unmöglichkeit für den menschlichen Geist, alles zugleich zu um
fassen, führt zu einer Si^eidung. Aus dem unabsehbaren Gebiet
des Wissensmöglichen werdem Teilgebiete Herausgeschnittm und
zum Gegenstand einer besonderen Wissenschaft gemacht, wir
sehen diesen Vorgang beinahe täglich; in der Naturforschung vor
allem findet eine ständige Grenzregulierung zwischen alten und
neuen „Wissenschaften" statt. Diese Aussonderung ist nötig,
weil der Umfang unseres Wissens, so beschränkt er an sich sein