Contents: Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

58 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode. 
Jede starke, irgendwo sich sammelnde Macht kommt in Konflikt mit den überlieferten 
Ordnungen, will sie zu ihren Gunsten ändern. Das geht nicht ohne Streit, und 
insofern ist dieser der Ausdruck des Lebens, der Neubildung, des Fortschrittes. Es ist 
das Recht des Kräftigeren und Befsferen zu siegen; aber jeder solche Sieg soll nicht 
bloß das Individuum, sondern zugleich die Gesamtheit fördern. Ist es für diese besser, 
daß über dem Sieg einzelne zu Grunde gehen, so muß das in den Kauf genommen 
werden. Wie in den großen Kämpfen der Geschichte ganze Völker und ganze Klassen, 
so müssen zu schwache, zurückgebliebene Familien und Personen im wirtschaftlichen und 
socialen Kampfe des Lebens untergehen. Verkommene Aristokratien, verkümmerte Mittel— 
stände, tief gesunkene Schichten des Proletariats sind zeitweise so wenig zu retten wie 
an gewissen Stellen körperlich und geistig schwache Individuen. Die Ausstoßung des 
Unvollkommenen ist der Preis des Fortschrittes in der Entwickelung. Aber ob im ein— 
zelnen Fall das schwächere Volk, die bedrohte Klasse, die notleidenden Individuen nicht 
mehr zu retten seien, ob sie nicht neben Fehlern und Schwächen noch entwickelungsfähige 
Kräfte haben, ob sie nicht durch Erziehung, Unterstützung, Ubergangsmaßregeln zu 
retten seien, ob nicht der jeweilige Druck gerade neue Eigenschaften zu Tage fördere und 
sie so wieder emporhebe, das ist eine offene Frage, über die stets nur das Leben ent— 
scheiden kann. Jeder solche Kampf ist ein unendlich komplizierter, von vielen ver— 
schiedenen Eigenschaften, Konjunkturen und Zufällen abhängiger. Die Regierungen, 
Parteien und Klassen, die führenden Geister werden je nach ihrer Kenntnis der persön— 
lichen Kräfte und der Gesamtverhältnisse, je nach ihrer Auffassung des Gesamtwohles 
und der wünschenswerten Entwickelung bald für Milderung und Einschränkung des 
Kampfes, für Unterstützung der Schwachen, bald für ihre Preisgebung und Gestattung 
des Kampfes sein. Nur darf das Losungswort „freie Bahn für den Starken“ nicht 
stets als felbstverständlich gelten: es kommt unter Umständen nicht sowohl der guten 
und entwickelungsfähigen, sondern auch der rohen und der gemeinen Kraft zu gute. 
Der deutsche Bauernstand ist durch eine glückliche Politik vom 17. -519. Jahrhundert 
gerettet worden, der englische ist zu Grunde gegangen; wollen wir etwa darum Eng— 
land preisen? 
So unzweifelhaft es immer Kämpfe wird geben müssen, so sicher ist es oft die 
Aufgabe der Politik, sie zu mildern und das Entwickelungsfähige zu retten. Die 
Hoffnung der Socialdemokratie, daß es je eine Zeit ohne Konkurrenz, ohne Kampf, 
ohne Kriege geben werde, ist so einseitig und so falsch wie die Freude des cynischen 
Aristokraten und Millionärs, der das Elend der Massen nur als die notwendige Folge 
ihrer Schwäche und Fehler, seinen Besitz als die Folge seiner Eigenschaften ansieht. Wir 
werden die Hoffnung nicht aufgeben, daß im Laufe der Geschichte auf die Dauer die 
Stärke siegt, die zugleich die sittlich größere Kraft, die entwickelungsfähigsten Keime 
in sich birgt. Aber davon giebt es im einzelnen viele Ausnahmen, befonders überall 
da, wo Ehrlichkeit mit Unehrlichkeit, die Kraft der Vergangenheit mit der der Zukunft 
ringt. Und daher ist der Schutz hiegegen häufig eine sittliche Pflicht der Gesellschaft; 
sonst müßten wir auch die Diebe, Ruber und Mörder walten lassen. 
Die Gefahr, daß wir durch Sitte, Moral und Recht, durch den Schutz der Schwachen 
eine einschläfernde Streitlosigkeit erzeugen, ist zumal in unserer Zeit sehr gering. Die 
heutige wirtschaftliche Konkurrenz ist gegen früher so enorm gewachsen, daß die weit— 
gehendsten socialen Reformen und Schutzmaßregeln den schwächeren Elementen der Ge— 
sellschast den Schutz und die Hülfe noch nicht geben, die sie früher hatten. Auch in der 
humanisiertesten Gesellschaft wird mit immer dichterer Bevölkerung der Kampf um Ehre, 
Befitz, Einkommen, Macht, nicht aufhören, so wenig wie der Kampf zwischen den socialen 
Bruppen und den Staaten aufhören wird, der in gewissem Sinne eben deshalb berech— 
tigter ist, als er stets die einzelnen, die Glieder einer Klasse, die Bürger eines Staates 
zusammenfaßt, sie nötigt, ihre kleinlichen egoistischen Leidenschaften zurückzudrängen und 
ür Gesamtinteressen materieller und ideeller Art einzutreten. Damit wird der Streit 
zurückgedrängt, der Patriotismus belebt, die sittlichen Kräfte geschult und gefördert. 
Broße Kriege — solche mit günstigen und solche mit ungünstigen Erfolgen — wurden
	        
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