Faßte man Marx aber nicht rein ökonomisch-ethisch, sondern
sozialphilosophisch, so wurde er nach dem alten Schulschema den
„extremen Individualisten" angereiht, von denen die offizielle Wissen
schaft schlimme Dinge zu berichten wußte. Einzusehen etwa Professor
Dietzels Buch über Nodbertus aus dem Jahre 1886.
Dann nach seinem Tode begann man Marx langsam zn
würdigen: erst im sozialistischen Lager, wo Schön lank, Kautsky
und andere ihre wissenschaftliche Laufbahn begannen; dann im Kreise
„bürgerlicher" Nationalökonomen. Der entscheidende Wendepunkt fällt
in das Jahr 1894. Damals erschien der dritte Band des „Kapitals",
dessen Besprechung ich mit den Worten begleiten konnte: „Ja, man
darf sich freuen auf den Kampf, der gerade um den Marxismus, einen
der exponiertesten Posten der politischen Ökonomie, entbrennen wird.
Es wird ein fröhliches Jagen entstehen, die Geister, durch die Grenz-
nützler nun endlich ans ihrem Schlummer erweckt, werden gar heftig
aufeinander platzen. Aber das gerade ist ja trefflich, in majorem
scientiae gloriam zu streiten. Es wird manchen Fachgenossen, nament
lich unter dell Älteren geben, der bei diesen Worten ein Lächeln nicht
unterdrücken kann: ob es denn wirklich Ernst sei, einen längst Be
grabenen wie Karl Marx wieder voil den Toten zu erwecken, sein
zehnmal „widerlegtes" System wieder zum Gegenstände der Kritik
machen, ja es geradezu in den Mittelpunkt der wissenschaftlichen Dis
kussion stellen zu wollen. Nun, wir Jüngeren werden schon dafür
sorgen, daß ihnen das Lachen mälig vergeht. Wir sind der Meinung,
daß wir nicht am Ende, sondern just am Anfang der Marx-Kritik
stehen. Und können unser Verwundern nicht ganz unterdrücken, daß
man überhaupt schon von einer „Kritik" hat reden wollen, ehe —
das System fertig war."
Der Lauf der Dinge hat die Richtigkeit dieser Auffassung erwiesen.