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Erstes Buch. Die Begründer.
reihe, die nur 9 Perioden oder die verhältnismäßig kurze Zeit von 200 Jahren
umfaßt, ist die Zahl für die Bevölkerung schon 28mal größer als die Zahl
für die Lebensmittel: bei dem 31. Gliede wäre die Milliarde überschritten,
und wenn man die Reihe bis auf das 100. Glied fortsetzte, würde ein
numerischer Ausdruck nicht mehr möglich sein.
Die erste dieser Reihen kann als richtig anerkannt werden, soweit
sie das biologische Fortpflanzungsgesetz vorstellt. Allerdings setzt die
Verdoppelung vier zum zeugungsfähigen Alter gelangende Kinder voraus
und folglich etwa 5 bis 6 Geburten, um den infolge der unvermeidlichen
Kindersterblichkeit eintretenden Ausfall gut zu machen 1 ). Diese Ziffer
mag uns hoch erscheinen, die wir in Gemeinwesen leben, wo die Beschrän
kung der Geburten üblich ist. Jedoch beweisen die Tatsachen, daß bei
allen lebenden Wesen, sogar beim Menschen, der am wenigsten fruchtbar
ist, die Zahl der Geburten im natürlichen Lauf der Dinge beträchtlich
höher sein würde. Die Zahl der sich folgenden Schwangerschaften des im
Alter der Reproduktionsfähigkeit stehenden Weibes kann etwa zwanzig
erreichen und hat sie in gewissen Fällen tatsächlich überstiegen. Dank dieser
Vermehrung hat sich die Erde bis heute bevölkert, und nichts weist darauf
hin, daß diese Reproduktionsfähigkeit heute bei beiden Geschlechtern
geringer sei als früher. Wenn Malthus daher nur die Zahl 2 als Rate
seiner Vermehrungsreihe annimmt, hat er nichts übertriebenes behauptet.
Eher kann noch die 25 jährige Dauer der Zwischenzeit zwischen
je zwei Zahlen zur Kritik Anlaß geben 2 ). Der Zeitraum zwischen dem
Durchschnittsalter der Eltern und dom durchschnittlichen Alter, in dem
die Kinder dieses Paares ihrerseits Kinder erzeugen, kann kaum geringer
9 In der Tat sah Malthus, um seine Multiplikation mit zwei zu rechtfertigen,
eine Familie mit sechs Kindern als das Normale an. Wenn man voraussetzt, daß von
sechs durchschnittlich zwei vor der Heirat sterben oder unverehelicht bleiben, bleiben
vier, die ihrerseits Kinder zeugen werden, und derartig gewinnen wir die Reihe 2, 4,8 usw.
Bei nur zwei Kindern auf das Paar würde die Bevölkerung natürlich zurückgehen,
da nicht alle Kinder das zeugungsfähige Alter erreichen, und auch von denen, die es
erreichen, nicht alle Kinder erzeugen. Die Erfahrung zeigt, daß bei weniger als drei
Kindern auf das Paar die Bevölkerung nicht steigt oder sich nur ganz unbedeutend
vermehrt. Das ist der Fall in Frankreich, wo auf jede Ehe im Durchschnitt 2,70 Ge
burten fallen.
2 ) Malthus hat jedoch nicht ganz willkürliche Zahlen eingesetzt. Was die
25jährige Verdoppelungsperiode anlangt, stützte er sich auf die Bevölkerungsbewegung
in den Vereinigten Staaten. Es ist merkwürdig, daß man im Laufe des XIX. Jahr
hunderts in den Vereinigten Staaten eine Bevölkerungsbewegung feststellen kann,
die ziemlich genau mit dem, was Malthus voraussah, übereinstimmt. 1800 betrug die
Bevölkerung 5 Millionen. Wenn man sie viermal verdoppelt (4 Perioden von jo 25 Jahren
= 100 Jahre), hat man für 1900 die Zahl von 80 Millionen. Diese Ziffer wurde 1905
erreicht, also mit einer Verspätung von nur 5 Jahren gegenüber der Voraussage. Aller
dings muß dabei hervorgehoben werden, daß es sich um einen reinen Zufall handelt,
da der Zuwachs auf der Einwanderung, nicht auf der Natalität beruht.