Bildende Kunst.
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der Tritone und Nereiden und Nymphen und Najaden; Diana
jagt auf Gefilden, die von Kentauren und Faunen bevölkert
sind, und Pan flötet um die heiße Stunde des Mittags.
Wer aber will immer unterscheiden, ob diese Wasserfrauen
deutsche Meerweibchen sind oder klassische Nymphen? Und
spielt diese Welt neben der Lyra nicht die Harfe? wird neben
der Tritonsmuschel nicht die Laute gehört? Den antiken
Figuren treten solche der deutschen Sage zur Seite, aber auch
Personen der biblischen Überlieferung und des Gestaltenkreises
der Renaissance, vor allem aus dem Lieblingsbuche Böcklins,
Ariosts „Kasendem Roland“ — ja selbst moderne Menschen,
Sonntagskinder natürlich, junge Mädchen, Hochzeitsreisende,
mischen sich in den unbewußt, triebartig, enthusiastisch mit
der Natur fühlenden Chor. Denn in einem pantheistischen
Gefühl sind sie alle eins, — und von ihm beseelt erhalten sie
auch im Grunde einerlei Wesen. Sie haben eine diesem Gefühl
entsprechende Gebärde, Muskelausstattung, ja ein ihm notwendig
konformes Skelett: sie sind nur der fernen Abstammung nach
noch antik oder germanisch oder christlich oder aus dem Heiden—
land der Renaissance: in Wirklichkeit haben sie das pantheistische
Naturgefühl des 19. Jahrhunderts zum Vater und zur Mutter
die Böcklinsche Phantasie.
Aber diese bunte Gesellschaft trieb den Meister weiter.
Bedurfte sie nicht einer ihr nun noch mehr angemessenen, ihren
jauchzenden, trauernden, schwärmerischen, lärmenden Instinkten
gänzlich angepaßten Welt? Die Jahre 1878 bis 1887 bringen
die Sonnenhöhe der Kunst des Meisters, — hatte er sich am
Schluß der vorhergehenden Periode mit dem fiedelnden Tod
zur Seite porträtiert, so steht am Schlusse dieser Veriode
das Selbsthildnis mit dem Lorbeerzweige.
Vor allem handelte es sich da um die Landschaft: wie war sie
plastisch zu gestalten, wie die Form im besonders betonten Sinne,
wie der Umriß zu gewinnen, ohne sie den gewaltigen Wirkungen
des Lichtes und der Farbe zu entziehen? Lange hat Böcklin hier
hin und her versucht; und es gehört zu den reizvollsten Aufgaben
geschichtlicher Forschung auf dem Gebiete jüngster Vergangen—