zwar nie stille stehen, aber doch bloß unmerklich
fließen kann, kommt in raschere Bewegung. Die
Wirkung auf das Geistesleben hat Jakob Burckhardt
durch das geistreiche Wort von der „Entdeckung des
Individuums“ in eine Formel gebracht, die für
Zwecke, wie der unsere es ist, gute Dienste leistet.
In der Tat, das Individuum, die Persönlichkeit, be
ginnt sich aus dem mittelalterlichen Bahmen zu lösen
und endlich wieder nach eigenem Gefallen zu handeln
und zu denken. Überschätzen wir den Einfluß der
neuerstandenen Antike nicht. Wir hören immer nur,
was wir hören wollen und unsere Vorfahren gaben
damals den alten Griechen und Körnern Gehör, weil
diese ihnen in gefälligen Formen sagten, was sie in der
eigenen Brust fühlten. Aber wie immer dem sein mag,
die wissenschaftliche Fragelust war da, und schnell
wurde alles anders im Reiche des Gedankens. Doch
nicht auf dem Felde der Sozialwissenschaften: Wohl
entstand, wie von Götterhand geschaffen, schnell eine
persönliche Kunst und Literatur, wohl kämpfte der
neue Geist um neue Lebensformen, um das Recht des
Diesseits, um Freiheit und Naturerkenntnis, aber die
soziale Welt — trotz Bauern- und Religionskriegen —
beschäftigte weitere Kreise nicht oder nur in der
primitiven Form des Interesses an der politischen Ge
schichte, darüber hinaus aber nur wenige Träumer
oder Seher vom Typus — und ein prächtiger Typus
war es — Thomas Morus’. Es war eben erst nur das
Individuum, es war noch nicht die Gesellschaft „ent
deckt“. Niemand blickte noch unter den Schleier der
religiösen Begeisterung, der die Religionskriege um-