106
Politische Verhältnisse
Umständen gelangt nur hie und da ein mit dem Plazet der Negierung
versehener Renommierbauer in das Abgeordnetenhaus. Die großen
Massen der Bauern, das sind 82% und nach Hinzurechnung der
eher noch schlechter gestellten Vorstadtbauern mehr als 90 % der
Eesamtbevölkerung, bleiben außerhalb des Rahmens der Ver
fassung und sind politisch vollkommen rechtlos.
Für die Wahlen in die gesetzgebenden Körper teilt sich die
herrschende Klasse in zwei Parteien, in die liberale und die
konservative, die bisweilen in weitere Fraktionen zerfallen.
Beide Parteien entstammen demselben Milieu von Großgrund
besitzern und ihnen dienenden Intellektuellen und beide haben
daher auch denselben Fonds von Ideen. Selbst mit der Lupe läßt
sich — von Kleinigkeiten abgesehen — ein Unterschied zwischen den
Anschauungen und Zielen der Liberalen und jenen der Konservativen
nicht entdecken. Übereinstimmend dienen sie den Interessen der
selben Kaste, und oft sind die Liberalen rückständiger als die Konser
vativen, und die Konservativen — wie die Fraktion Take Jo-
nescu — radikaler als die Liberalen. Maßgebend für die Partei
bildung und den Parteianschluß sind nicht Programme—stimmen doch
diese im wesentlichen überein — sondern Familienbande, persönliche
Verbindungen und Aussichten auf eine Laufbahn usw. In Rumänien
bestehen daher nicht politische Interessenvertretungen, am wenigsten
„historische Parteien", wie man dort mit Vorliebe zu sagen pflegt,
sondern einfache Personencliguen, die um die Macht im Staate
ringen. Demgemäß ist auch der Kampf der Parteien kein sachlicher,
der mit Argumenten geführt wird, sondern fast ausschließlich ein
persönlicher, mit Jnvektiven gefiihrter. In den Kammern zwar
wird der sozialen Stellung der Mitglieder gemäß ein gewisser kon
ventioneller Ton gewahrt; desto stärkererAusdrücke befleißigt sich
die Presse. Alte, konsolidierte Blätter, die eine bestimmte Richtung
verfolgen und eine gewisse Tradition besitzen, gibt es nicht. Alle
Jahre tauchen neue Zeitungen auf, um bald wieder zu verschwinden.
Jeder halbwegs hervorragende Politiker läßt ein Leibjournal er
scheinen, und diese Eintagsblätter überbieten sich in Beschimpfungen
des Gegners. Begünstigt durch ein allzu freies Preßgesetz ist die
Presse völlig ausgeartet und beinahe anarchisch geworden. In
ihrem Kampfe macht sie auch vor der Krone nicht Halt. Weil einem
Wunsche des Königs Carol gemäß die Staatsanwälte den Majestäts
beleidigungsparagraphen grundsätzlich nicht geltend machen, ge
hören in Rumänien Beschimpfungen des Königs, Eingriffe in sein
Familienleben, Drohungen mit der Verjagung u. dgl. zur Tages
ordnung. Unterstützt werden sie noch durch allerlei Straßen
krawalle und Demonstrationen. Und von diesen unwürdigen Mit