Full text: Wirtschaftspolitisches Handbuch von Rumänien

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Politische Verhältnisse 
Umständen gelangt nur hie und da ein mit dem Plazet der Negierung 
versehener Renommierbauer in das Abgeordnetenhaus. Die großen 
Massen der Bauern, das sind 82% und nach Hinzurechnung der 
eher noch schlechter gestellten Vorstadtbauern mehr als 90 % der 
Eesamtbevölkerung, bleiben außerhalb des Rahmens der Ver 
fassung und sind politisch vollkommen rechtlos. 
Für die Wahlen in die gesetzgebenden Körper teilt sich die 
herrschende Klasse in zwei Parteien, in die liberale und die 
konservative, die bisweilen in weitere Fraktionen zerfallen. 
Beide Parteien entstammen demselben Milieu von Großgrund 
besitzern und ihnen dienenden Intellektuellen und beide haben 
daher auch denselben Fonds von Ideen. Selbst mit der Lupe läßt 
sich — von Kleinigkeiten abgesehen — ein Unterschied zwischen den 
Anschauungen und Zielen der Liberalen und jenen der Konservativen 
nicht entdecken. Übereinstimmend dienen sie den Interessen der 
selben Kaste, und oft sind die Liberalen rückständiger als die Konser 
vativen, und die Konservativen — wie die Fraktion Take Jo- 
nescu — radikaler als die Liberalen. Maßgebend für die Partei 
bildung und den Parteianschluß sind nicht Programme—stimmen doch 
diese im wesentlichen überein — sondern Familienbande, persönliche 
Verbindungen und Aussichten auf eine Laufbahn usw. In Rumänien 
bestehen daher nicht politische Interessenvertretungen, am wenigsten 
„historische Parteien", wie man dort mit Vorliebe zu sagen pflegt, 
sondern einfache Personencliguen, die um die Macht im Staate 
ringen. Demgemäß ist auch der Kampf der Parteien kein sachlicher, 
der mit Argumenten geführt wird, sondern fast ausschließlich ein 
persönlicher, mit Jnvektiven gefiihrter. In den Kammern zwar 
wird der sozialen Stellung der Mitglieder gemäß ein gewisser kon 
ventioneller Ton gewahrt; desto stärkererAusdrücke befleißigt sich 
die Presse. Alte, konsolidierte Blätter, die eine bestimmte Richtung 
verfolgen und eine gewisse Tradition besitzen, gibt es nicht. Alle 
Jahre tauchen neue Zeitungen auf, um bald wieder zu verschwinden. 
Jeder halbwegs hervorragende Politiker läßt ein Leibjournal er 
scheinen, und diese Eintagsblätter überbieten sich in Beschimpfungen 
des Gegners. Begünstigt durch ein allzu freies Preßgesetz ist die 
Presse völlig ausgeartet und beinahe anarchisch geworden. In 
ihrem Kampfe macht sie auch vor der Krone nicht Halt. Weil einem 
Wunsche des Königs Carol gemäß die Staatsanwälte den Majestäts 
beleidigungsparagraphen grundsätzlich nicht geltend machen, ge 
hören in Rumänien Beschimpfungen des Königs, Eingriffe in sein 
Familienleben, Drohungen mit der Verjagung u. dgl. zur Tages 
ordnung. Unterstützt werden sie noch durch allerlei Straßen 
krawalle und Demonstrationen. Und von diesen unwürdigen Mit
	        
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